Hintergründe

Erlösung im Märchen

Erlösung im Märchen: Szene aus "Die sieben Raben"

Die Suche nach Erlösung ist ein menschliches Streben, das sich nicht nur in den Religionen äußert. Auch im Märchen begegnet es uns als zentrales Motiv. Wir haben es uns näher angesehen.

Erlösung im Märchen: sehr präsent

Wir haben im Märchenpott schon einige große Themen des Märchens behandelt, beispielsweise den Gegensatz von Arm und Reich (Folge 33), Gier (Folge 47), den Tod (Folge 27) oder Magie im Märchen (Folge 43). In unserer Folge 59 „Von Liebe, Opfern und selbstlosen Taten“ beschäftigen wir uns mit einem weiteren zentralen Motiv im Märchen: Erlösung. Dabei schauen wir uns an, was Erlösung eigentlich ist, welche Formen von Erlösung es gibt und auf welche Arten die Figuren im Märchen erlöst werden können. Und wie immer steht am Ende die Frage: Welche Funktion steckt eigentlich dahinter und warum ist gerade das Erlösungsthema im Märchen so präsent?

Erlösung im religiösen Kontext

Das Wort „Erlösung“ begegnet uns vor allem im religiösen Kontext: Im Christentum ist das Erlösungsversprechen das zentrale Element der Lehre. Jesus erscheint hier als Erlöser, als Heiland, der gekommen ist, um Heil zu bringen. Sein Name, „Jesus“, ist die griechische Form des aramäischen „Jeschua“, was „Gott rettet“ bedeutet. Eine weitere Bezeichnung ist Salvator mundi, „Erlöser der Welt“. In diesem Zusammenhang spricht man von der sogenannten Soteriologie, der Lehre von der Erlösung.

Diese Idee finden wir auch in anderen Erlösungsreligionen. Die Geschichte Israels beginnt mit dem Exodus, dem Auszug aus Ägypten und der damit einhergehenden Rettung der Israelit*innen aus der Knechtschaft des ägyptischen Pharaos. Diese Erlösung ist eine Grundlage des Judentums. Im Islam bedeutet Erlösung den Einzug ins Paradies, im Buddhismus ist von „Erleuchtung“ die Rede. Stets geht es darum, den Menschen im Einzelnen, die gesamte Menschheit und/oder die Welt zu erlösen. Erlösen im religiösen Sinn bedeutet dabei immer die Befreiung von Sünde, Unheil, Leid oder dem Bösen, es geht im Kern also darum, etwas Negatives zu überwinden.

Erlösung im Märchen: ein zentrales Element

Genau darum geht es auch im Märchen. Denn der Begriff „Erlösung“ beinhaltet auch das Wort „Lösung“ – ein zentrales Handlungselement im Märchen: Der Held oder die Heldin ist stets gefordert, Konflikte zu lösen und Herausforderungen zu meistern. Gelingt ihm oder ihr das, steht am Ende immer eine bestimmte Form der Erlösung, die die Protagonisten und Protagonistinnen von seinen/ihren Problemen befreien.

Es gibt im Märchen aber nicht bloß die Figur, die Probleme meistern muss. Häufig gibt es auch einen Erlöser oder eine Erlöserin – denken wir an den berühmten Prinzen auf seinem weißen Pferd. Wenn wir uns also dem Thema Erlösung im Märchen nähern möchten, müssen wir das aus zwei Perspektiven tun: aus der Sicht der Figur, die erlöst werden muss sowie aus der Sicht der Figur, die erlöst.

Formen von Erlösungsbedürftigkeit

Schauen wir uns zunächst die Figur an, die erlöst werden muss. Damit sie Erlösung erfahren kann, muss sie erlösungsbedürftig sein. Der oder die zu Erlösende muss sich also in einer Situation befinden, die schwer bis unmöglich zu bewältigen scheint und von der eine Erlösung erforderlich ist. Im Märchen finden wir verschiedene Formen dieser Erlösungsbedürftigkeit.

Wir haben die Erlösungsbedürftigkeit von Märchenfiguren auf Grundlage der Märchen, die wir breits im Märchenpott behandelt haben, in sechs verschiedene Kategorien eingeteilt:

  1. Erlösung von schwierigen Lebensumständen
  2. Erlösung vom Tod
  3. Erlösung durch den Tod
  4. Erlösung von Gefahr
  5. Erlösung von Verzauberung, Verwünschungen und Flüchen
  6. Erlösung von sich selbst

Erlösung von schwierigen Lebensumständen

Ausgangssituationen vieler Märchen sind die schwierigen Lebensumstände, in der sich die Hauptfigur befindet. Dazu gehören zum Beispiel der Tod der Eltern (z.B. „Hänsel und Gretel“, „Brüderchen und Schwesterchen“ oder „Schneewittchen„), Mobbing (z.B. „Aschenputtel“ oder „Frau Holle“) oder Armut (z.B. „Aschenputtel“ oder „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“). Am Ende des Märchens können diese Umstände überwunden und oft sogar ins Gegenteil gewandelt werden. Aschenputtel wird zum Beispiel Prinzessin, Goldmarie triumphiert über Stiefmutter und -schwester.

Erlösung vom Tod

In unserer Folge „Gevatter, Schnitter, Sensenmann“ haben wir bereits über die wichtige Rolle des Todes im Märchen gesprochen. Er ist nicht automatisch immer der Endpunkt. Während die Bösen im Märchen oft mit dem Tode bestraft werden, können die Guten den Tod überwinden. Darin spiegelt sich zum einen der christliche Auferstehungsgedanke wider, zum anderen zeigt sich hier auch die oft symbolische Bedeutung des Todes im Märchen. Darüber hinaus ist die Erlösung vom Tod, wie wir ihn beispielsweise in „Brüderchen und Schwesterchen“, „Schneewittchen“ oder „Von dem Wacholderbaum“ finden, ein übernatürlicher Aspekt, der uns zeigen soll: Auch wenn die Situation unüberwindbar scheint, kann es einen Ausweg geben.

Erlösung durch den Tod

Nicht nur vom Tod können Märchenfiguren erlöst werden. Auch eine Erlösung durch den Tod ist möglich, dann als Befreiung von Leid, etwa bei „Die kleine Meerjungfrau“ oder „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Im Verständnis vom Tod als Erlösung zeigt sich häufig der christliche Gedanke der Auferstehung.

Erlösung von Gefahr

Eine klassische Situation im Märchen: Der Mann rettet die Frau vor dem Bösewicht, der häufig noch über übernatürliche Kräfte verfügt oder ein übernatürliches Wesen ist, etwa bei „Blaubart“. Oft sehen sich aber auch Kinder mit einem übermächtigen Gegner konfrontiert, Hänsel und Gretel etwa mit der Hexe, Marlenchen aus „Der Wacholderbaum“ mit ihrer bösen Mutter oder Allerleirauh mit ihrem inzestuösen Vater.

Erlösung von Verzauberung, Verwünschung oder Flüchen

Magie ist ein so wesentlicher Bestandteil des Märchens, dass ein Großteil der Märchen in die Kategorie Zaubermärchen fällt. Sehr häufig begegnet uns darin böse Magie, die sich in Verzauberungen und Flüchen ausdrückt. Beispiele hierfür sind „Schneewittchen“, „Der Froschkönig“, „Dornröschen“ oder „Die sieben Raben“.

Erlösung von sich selbst

Auch wenn Märchen auf tiefgehende Charakterstudien verzichten und uns statt realistischer Personen schablonenhafte Stereotype präsentieren, durchlaufen einige Hauptfiguren eine Wandlung oder Läuterung, die sie von ihren negativen Charaktereigenschaften wie Habgier, Faulheit oder Hochmut befreien und sie somit von sich selbst erlösen. Die Erlösung von sich selbst finden wir zum Beispiel in „Der eigensüchtige Riese“, „Der Schweinehirt“ oder „Das singende, klingende Bäumchen“, das wir euch in Folge 59 vorstellen.

Die Suchwanderung

Häufig steht Erlösung im Märchen im Zusammenhang mit der Suchwanderung, einem weiteren gängigen Motiv im Märchen. Dabei begibt sich die Hauptfigur auf eine lange Reise, auf der sie sich verschiedenen Prüfungen stellen muss. Hat sie diese meist unlösbar scheinenden Aufgaben gemeistert, erfolgt die Erlösung der gesuchten Person oder der gesuchten Personen.

Arten von Erlösung

Die Erlösungsbedürftigkeit von Märchenfiguren zeigt sich somit in verschieden Ausgangssituationen oder Herausforderungen. Die Erlösung von diesen Umständen kann auf verschiedene Arten erfolgen:

  1. durch Liebe
  2. durch ein oder mehrere Opfer
  3. durch einen guten Charakter, der sich durch Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft zeigt

Diese Arten der Erlösung sind die andere Perspketive, die meist der Erlöser oder die Erlöserin einnimmt. Das typische Beispiel ist der Prinz, der Schneewittchen oder Dornröschen durch die Liebe rettet. Etwas komplexer ist die Erlösung in „Die sieben Raben“: Die Schwester erlöst ihre Brüder ebenfalls durch Liebe, aber auch durch die Opfer, die sie bringt – sie begibt sich auf eine lange Reise und schneidet sich ihren Finger ab. Diese Opfer zu bringen, erfordert Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft, eine weitere Voraussetzung dafür, das Erlösung erfolgen kann.

Insgesamt können wir meist zwischen einem aktiven und einem passiven Part unterscheiden: Der oder die zu Erlösende ist in einer Situation gefangen und kann sich alleine nur schwer daraus befreien. Er oder sie ist auf Erlösung angewiesen. Besonders deutlich zeigen uns das Schneewittchen und Dornröschen, die bis zu ihrer Erlösung leblos daliegen. Der Erlöser oder die Erlöserin ist der aktive Teil, der seinen Gegenpart durch Liebe, bestimmte Opfer und/oder seinen guten Charakter rettet.

Funktion von Erlösung im Märchen

Das zentrale Element der Erlösung spielt im Märchen auch deshalb eine so große Rolle, weil es bestimmte Funktionen erfüllt:

  1. eine didaktisch-pädagogische Funktion
  2. Vermittlung des Glaubens an eine bessere Welt
  3. Erlösung als Happy End

1. Die didaktisch-pädagogische Funktion

Die Textsorte Märchen verfolgt einen bestimmten Zweck: Sie will ihren Leserinnen und Lesern Antworten auf bestimmte Lebensfragen geben und ihnen den richtigen Weg aufzeigen. In Bezug auf das Motiv der Erlösung bedeutet das: Wenn du dich auf eine bestimmte Weise verhältst, findet sich eine Lösung. Selbst in den Momenten, in denen es scheinbar keinen Ausweg gibt, ist Erlösung möglich.

2. Glaube an eine bessere Welt

Die Herausforderungen, denen sich die Figuren im Märchen stellen müssen, scheinen unüberwindbar: Sie müssen magische Wesen besiegen, Flüche brechen oder die ganze Welt bereisen. Realistisch ist das meistens nicht. Aber im Märchen geht es nicht darum, alles wortwörtlich zu nehmen, denn Märchen haben einen hohen Symbolgehalt und verweisen damit auf universelle Wahrheiten. In Hinblick auf das Erlösungsmotiv stärken sie den Glauben an eine bessere Welt, denn sie wollen uns zeigen: Auch in ausweglosen Situationen kann es Erlösung geben oder anders ausgedrückt: Alles kann gut werden.

3. Erlösung als Happy End

Der Glaube an eine bessere Welt kann nicht ohne ein glückliches Ende vermittelt werden. Ohne Happy End wäre das Märchen kein Märchen. Erlösung im Märchen bedeutet stets, das alles ein glückliches Ende gefunden hat. Erlösung im Märchen ist somit der Endpunkt, aber immer auch eine Form des Glücks.

Beispiele für Erlösungsmärchen

Die verschiedenen Formen von Erlösung finden sich in einer Vielzahl von Märchen. Bekannte Beispiele sind die verwunschenen Prinzessinnen Schneewittchen und Dornröschen, weitere bekannte Erlösungsmärchen sind etwa „Die sieben Raben“, „Die kleine Meerjungfrau“ oder „Die sechs Schwände“. In unserer Märchenkunde zum Thema Erlösung stellen wir euch die folgenden drei Märchen vor:

  1. Die Rabe
  2. Der Faule und der Fleißige
  3. Das singende, klingende Bäumchen

1. Die Rabe

Das Märchen „Die Rabe“ (Ja, es heißt tatsächlich die Rabe) ist ein Mädchen der Brüder Grimm und steht an Stelle 93 der Kinder- und Hausmärchen. Sein Inhalt ist ziemlich komplex: Ein Märchen wird von seiner Mutter in eine Rabe verwandelt und erklärt einem Mann, wie er es erlösen kann. Das ist recht kompliziert und dem Mann gelingt es zunächst nicht, erst nach mehreren Versuchen kann er sie erlösen und beide heiraten.

2. Der Faule und der Fleißige

Dieses Märchen stand 1815 nur in der ersten Auflage der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen. In ihm geht es um zwei Handwerksburschen und zwei Raben, von denen der eine Erlösung findet und der andere nicht. Der faule Handwerksbursche zieht daraus seine Lehre.

3. Das singende, klingende Bäumchen

„Das singende, klingende Bäumchen“ ist eine DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1957 und gilt als eine der besten Märchenproduktionen der DEFA-Filmgeschichte. Die Handlung des Films ist angelehnt an das gleichnamige Märchen aus der im Jahre 1801 erschienenen Märchensammlung „Feen-Mährchen“ und weist Ähnlichkeiten zu „Hurleburlebutz“ von den Brüdern Grimm auf. Es geht darin um eine hochmütige Prinzessin und einen verwunschenen Prinzen, die durch die Wandlung der Prinzessin am Ende beide Erlösung finden.

Auf einen Blick: Erlösung im Märchen

  • Erlösung ist ein zentrales Element im Märchen.
  • Erlösung setzt immer Erlösungsbedürftigkeit voraus.
  • Es gibt die Person, die erlöst werden muss, und die Person, die erlöst.
  • Die Erlösungsbedürftigkeit im Märchen ergibt sich daraus, dass die Figur immer einen Konflikt bewältigen muss.
  • Dieser Konflikt kann aus schwierigen Lebensumständen, aus Verzauberungen, dem Tod oder der eigenen Charakterschwäche bestehen.
  • Die Erlösung erfolgt durch Liebe, Opfer oder selbstlose Taten.

➛ Übrigens: Alles zum Thema „Erlösung im Märchen“ könnt ihr ausführlich in unserer Folge 59 „Von Liebe, Opfern und selbstlosen Taten“ nachhören.

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