Hintergründe

Arten von Märchen: Überraschend vielseitig

Arten von Märchen Märchenbücher

Märchen ist nicht gleich Märchen. Tatsächlich weist diese Textsorte ziemlich viele Unterkategorien auf. Welche Arten von Märchen es gibt, zeigen wir euch hier.

Arten von Märchen: Volks- und Kunstmärchen

Wenn wir uns die Frage stellen „Was sind Märchen?“, stellen wir schnell fest, dass sich diese Frage überraschend vielfältig beantworten lässt. Dabei ist die grundsätzliche Definition klar: Märchen sind eine Textsorte aus der literarischen Gattung der Epik und zeichnen sich durch eine bestimmte Erzählstruktur, ihre Einfachheit, magische und übernatürliche Elemente sowie eine stereotype Darstellung ebenso stereotyper Figuren aus, beispielsweise Prinz und Prinzessin oder die böse Hexe.

Doch bereits hier muss eine erste Kategorisierung vorgenommen werden: die Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen.

Volksmärchen

Volksmärchen gelten als die traditionelle Form des Märchens. Denn Märchen wurden ursprünglich mündlich weitergegeben – und Volksmärchen basieren auf genau dieser mündlichen Erzähltradition. Zum Gattungsbegriff entwickelte sich die Bezeichnung Volksmärchen unter den Brüdern Grimm. Sie griffen auf die mündliche Erzähltradition zurück und verschriftlichten sie. So entstand eine literarische Textform mit spezifischen Merkmalen.

Zu den Merkmalen von Volksmärchen gehören…

  • … ihre einfache, leicht verständliche Struktur.
  • … die erfundene Welt, in der die Handlung spielt.
  • … übernatürliche Elemente wie Magie.
  • … fehlende Orts- und Zeitangaben.
  • … viele Gegensätze wie Gut und Böse, Arm und Reich oder Schön und Hässlich.
  • … ein unüberwindbar scheinender Konflikt, den die Hauptfigur lösen muss.
  • … stereotype Figuren ohne Charakter.
  • … sich wiederholende Motive wie Prinz und Prinzessin, die Schöne in Nöten oder missgünstige Geschwister.
  • … natürlich das Happy End.

Die Ursprünge von Volksmärchen reichen oft weit zurück und sind nicht immer eindeutig auszumachen. Varianten bestimmter Motive sind zudem weltweit verbreitet und nicht auf den deutschen oder europäischen Sprachraum beschränkt.

Kunstmärchen

Anders als Volksmärchen gehen Kunstmärchen nicht auf eine lange mündliche Erzähltradition zurück, sondern wurden künstlich erschaffen. Das bedeutet, sie wurden direkt als literarisches Werk verschriftlicht. Daher haben sie immer einen nachweisbaren Autoren oder eine nachweisbare Autorin. Stil, Themen und Elemente ähneln zwar denen der Volksmärchen, die Erzählform von Kunstmärchen ist jedoch weniger eindimensional. Stattdessen finden wir in Kunstmärchen detaillierte Personenbeschreibungen, Charakterentwicklungen sowie psychologische Wandlungen der Figuren.

Auch die Zuordnung von Gut und Böse ist in Kunstmärchen nicht immer eindeutig. Es werden auch Grauzonen thematisiert und, denken wir an Hans Christian Andersen oder Oscar Wilde: Das Happy End ist in Kunstmärchen nicht selbstverständlich.

Unterschiede von Volks- und Kunstmärchen auf einen Blick:

VolksmärchenKunstmärchen
mündliche Erzähltraditiondirekt verschriftlicht
Ursprung unklarAutor oder Autorin ist bekannt
stereotypdetaillierte Charakterisierung und psychologische Wandlung
keine Orts- oder ZeitangabenOrt- und Zeitangaben kommen vor
klare Trennung zwischen Gut und Böseauch Grauzonen werden thematisiert

Arten von Märchen

Über diese Unterteilung in Volks- und Kunstmärchen hinaus sind Märchen noch viel kleinteiliger kategorisierbar. In unserem Podcast „Märchenpott“ haben wir euch bereits eine Vielzahl verschiedener Arten von Märchen vorgestellt:

  • Zaubermärchen
  • Feenmärchen
  • Gruselmärchen
  • Blaubartmärchen
  • Schwank- und Unisnnsmärchen
  • Kettenmärchen
  • Lügenmärchen
  • Tiermärchen
  • Weihnachtsmärchen

Im Folgenden zeigen wir euch, was für die jeweilige Art von Märchen typisch ist.

Zaubermärchen

Sie machen den Großteil unter den Märchen aus: die Zaubermärchen. Das ist naheliegend, schließlich sind Magie und Zauberei typische Elemente der Textsorte Märchen, die in der Mehrheit der Märchen zu finden sind.

Zaubermärchen werden auch als Wundermärchen bezeichnet. Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Wirklichkeit durch magische Handlungen oder magische Gegenstände beeinflussbar sei. Formen von Magie im Märchen sind beispielsweise das Auftreten magischer Figuren wie Zauberer, Zauberin oder Hexe, der Einsatz von Zaubersprüchen und Verwünschungen oder der Besitz sogenannter Wünscheldinge, wie etwa die drei berühmten Haselnüsse bei „Aschenbrödel“. Auf dieser Grundlage hat der Märchenforscher Antti Aarne Zaubermärchen in weitere Unterkategorien unterteilt:

  • Übernatürlicher Gegner
  • Übernatürlicher oder verzauberter Gatte (Gattin) oder sonstiger Angehöriger
  • Übernatürliche Aufgabe
  • Übernatürlicher Helfer
  • Übernatürlicher Gegenstand
  • Übernatürliches Können oder Wissen
  • Andere übernatürliche Momente

Das Märchenlexikon der edition amalia zählt über 120 Zaubermärchen auf. Zu ihnen gehören unter anderem „Aschenputtel„, „Allerleirauh„, „Blaubart“, „Vom Fischer und seiner Frau„, „Der Froschkönig„, „Rapunzel„, „Von dem Wacholderbaum“ oder „Frau Holle„.

→ Übrigens: In unserer Folge 43 „Phänomenale kosmische Kräfte“ haben wir uns ausführlich mit dem Thema Magie im Märchen beschäftigt. Hört gerne mal rein!

Feenmärchen

Feenmärchen haben eine lange Tradition und sind in vielen europäischen Ländern bekannt. Im 18. und 19. Jahrhundert waren sie vor allem in Frankreich sehr beliebt und wurden dort vor allem von Charles Perrault geprägt.

Als Wesen einer Anderswelt zeigen sich Feen in Märchen Menschen stets unter bestimmten Bedingungen und greifen, im Guten oder im Bösen, in das Leben der Menschen ein. Sie leben in einer anderen Welt und sind unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt: als Elfen, als Huldren in Island, als das gute und stille Volk in Irland oder als Samovilen oder Samodiven in osteuropäischen Ländern.

→ Warum Feen nicht die süßen, hilfsbereiten Wesen in glitzernden Tüllröckchen sind könnt ihr in unserer Folge 41 „Von Schicksalsfrauen, Helikoptereltern und einem Flachsfaden“ anhören. Darin erfahrt ihr noch mehr über Feen und Feenmärchen. Außerdem stellen wir euch Feenmärchen aus verschiedenen Ländern vor.

Gruselmärchen

Angelehnt an die Gruselliteratur des 19. Jahrunderts und die Motive der Schwarzen Romantik thematisieren Gruselmärchen angsteinflößende, übernatürliche Ereignisse und lassen Geister, Tote und andere Figuren auftreten, die noch heute als unheimlich gelten. Typische Schauplätze von Gruselmärchen sind dunkle Wälder, verlassene Burgen, Friedhöfe oder Kirchen.

→ Gruselig geht es auch in unserer Folge 51 „Angstlust“ zu. Darin sprechen wir über die Schwarze Romantik, den Spaß am Gruseln und drei wirklich unheimliche Märchen.

Blaubartmärchen

Das Märchen „“Blaubart“ stammt aus der Feder von Charles Perrault. Als „Ritter Blaubart“ hat es auch in Ludwig Bechsteins Deutsches Wörterbuch Einzug gehalten. Nur bei den Grimms hatte es keine Chance. Es war den Brüdern zu französisch und wurde schon nach der ersten Auflage aus den Kinder- und Hausmärchen verbannt. Seiner Popularität hat das aber keinen Abbruch getan, auch weil „Blaubart“ einen Erzähltypus bedient, der eine ganze Unterkategorie von Märchen begründet: die Blaubartmärchen.

Das typisches Merkmal von Blaubartmärchen ist der Femizid, also der Mord an Frauen im Kontext patriarchaler Geschlechterdifferenzen. Ihn finden wir beispielsweise in „Fitchers Vogel“ und „Das Mordschloss“ von den Grimms sowie in „Der Räuberbräutigam“.

→ In unserer Folge 53 „Vom blauen Barte“ erfahrt ihr noch viel mehr über Blaubart und Blaubartmärchen.

Schwank- und Unsinnsmärchen

Schwank trifft Märchen: Unter einem Schwank versteht man eine kurze, lustige Erzählung aus dem Volksleben, in der sich meist zwei gegensätzliche Figuren gegenüberstehen, von der die eine der anderen überlegen ist. Schwänke dienen der Unterhaltung, sind daher in Umgangssprache verfasst und erzählen auch mal schmutzige Witze. Ganz so vulgär wie eine Zote sind sie nicht, allemal aber derber als eine Komödie. Am Ende gibt es mit der Pointe stets überraschende Wendung, die den Schwank besonders amüsant macht. Ein berühmter Schwank ist „Till Eulenspiegel“.

Schwankmärchen sind eine Verschmelzung aus Schwank und Märchen. In ihnen treffen also Merkmale beider Textarten aufeinander. Das führt dazu, dass Schwankmärchen besonders absurd und unterhaltsam sind.

→ Die lustigsten Schwankmärchen hört ihr in unseren Folgen 34 „Schwank und Unsinnsmärchen“ sowie 35 „Von Spitzhacke, Hähnchen und einer Kampfente“.

Kettenmärchen

Bei Kettenmärchen handelt es sich um kleine Erzählungen, die sich durch die fortgesetzte Aufzählung von Personen oder Handlungselementen auszeichnen – ihr kennt das Prinzip sicher von dem Kinderspiel „Ich packe meinen Koffer“. Ein bekanntes Beispiel für ein Kettenmärchen ist „Der dicke fette Pfannekuchen“. Es ist in vielen Ländern Europas bekannt. Darin geht es um einen lebendig gewordenen Pfannkuchen, der vor seinen Zubereitern in einen Wald flieht und dort auf verschiedene Tiere trifft, die ihn fressen wollen. Bei jeder Begegnung zählt der Pfannkuchen diejenigen Lebewesen auf, die er bis dahin getroffen hat.

Lügenmärchen

„Erzähl mir keine Lügenmärchen“ – das ist nicht nur ein Ausdruck, den wir in unserer Alltagssprache verwenden, wenn uns jemand offensichtlich nicht die Wahrheit erzählt. Lügenmärchen sind auch eine bestimmte Form der Schwankmärchen und damit eine weitere Unterkategorie der Textsorte Märchen.

Gekennzeichnet sind Lügenmärchen dadurch, dass sie von unmöglichen Begebenheiten erzählen. Dabei ist ihre Handlung so übertrieben und unglaubwürdig, dass wir sie schnell als Lügengeschichte erkennen. Ein Beispiel für ein Lügenmärchen sind „Die zwölf faulen Knechte“, das wir in unserer Märchenstunde Folge 68 eingelesen haben.

Tiermärchen

Das Tiermärchen bildet als spezielle Form des Märchen ein eigenes folkloristisches Genre, in dem anthropomorphisierte Tiere als Helden der Erzählung auftreten. Das bedeutet, Tieren werden menschliche Eigenschaften zugesprochen, sodass sie beispielsweise sprechen können und sich auch sonst sehr menschlich verhalten. In Tiermärchen treten Tiere als Hauptfiguren auf. Bestimmte Tiere werden dabei durch bestimmte Merkmale charakterisiert. So ist der Wolf meistens böse, der Fuchs schlau und der Esel faul. Bekannte Beispiele für Tiermärchen sind „Der Wolf und der Fuchs“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“ oder „Die Bremer Stadtmusikanten“.

Nicht zu verwechseln sind Tiermärchen mit Fabeln. Zwar spielen auch in Fabeln Tiere die Hauptrolle und die Eigenschaften von Tieren in Fabeln und Märchen stimmen häufig überein. Fabeln beinhalten aber stets eine Moral, Tiermärchen hingegen sind oft schwankhaft.

Weihnachtsmärchen

Märchen erleben vor allem jedes Jahr zu Weihnachten einen kleinen Boom. Der Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel wird in der Weihnachtszeit mehrfach wiederholt und gilt als einer der Weihnachtsfilme überhaupt. Aber auch viele andere Märchenfilme sind zu dieser Zeit des Jahres regelmäßig im Programm zu finden.

Es gibt aber nicht nur Märchen, die vor allem in der Weihnachtszeit immer wieder gezeigt oder auf Theaterbühnen gespielt und gelesen werden. Es gibt auch typische Weihnachtsmärchen, die Weihnachten zum Thema haben. Das bekannteste Beispiel ist hier „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens, in der der geizige Ebenezer Scrooge den wahren Geist der Weihnacht verstehen lernt. Ein weniger bekanntes Weihnachtsmärchen aus der Feder von Charles Dickens ist „Ein Christbaum“.

→ Noch mehr zum Thema Weihnachtsmärchen könnt ihr in unserer Folge 55 „Oh Tannenbaum“ hören.

Die Arten von Märchen auf einen Blick

Art des MärchensMerkmaleBeispiel
Zaubermärchenmagische ElementeDer alte Zauberer und seine Kinder,
FeenmärchenFeenDornröschen, Die Feen
Gruselmärchenunheimliche, übernatürliche EreignisseSünde und Gnade
BlaubartmärchenFrauenmordBlaubart, Fitchers Vogel, Das Mordschloss
Schwank- und Unsinnsmärchenkurze, lustige Erzählung Strohhalm, Kohle und Bohne, Die kluge Else
Kettenmärchenfortgesetzte Aufzählung von Personen oder HandlungenLäuschen und Flöhchen, Der dicke fette Pfannekuchen
Lügenmärchenunglaubwüdig und übertriebenDie zwölf faulen Knechte
TiermärchenTiere spielen die HauptrolleDer Wolf und die sieben Geißlein, die Bremer Stadtmusikanten
Weihnachtsmärchenspielt meist in der WeihnachtszeitEine Weihnachtsgeschichte, Ein Christbaum

Das sind längst nicht alle Arten von Märchen, die es gibt. Interessant wird es zum Beispiel auch, wenn wir uns die Märchen anderer Länder anschauen, wie wir das etwa in unserer Folge 45 „Malle ist nur einmal im Jahr“ zum Schwerpuntk Mallorca oder in unserer Folge 37 „Vampirkatzen, Zauberspiegel und Rachegeister“ zum Thema Japan getan haben. Hier finden sich nochmals zahlreiche weitere Arten von Märchen, auch einige, die wir im deutschen Sprachraum nicht kennen.

Arten von Märchen im Überblick

  • Es gibt verschiedene Arten von Märchen.
  • Grundsätzlich kann zwischen Volks- und Kunstmärchen unterschieden werden.
  • Volksmärchen basieren auf einer mündlichen Erzähltradition, Kunstmärchen nicht. Sie wurden direkt verschriftlicht.
  • Darüber hinaus gibt es viele Unterkategorien von Märchen.
  • Der Großteil der Märchen fällt in die Kategorie Zaubermärchen.
  • Weitere Arten von Märchen sind Schwank- und Unsinnsmärchen, Lügenmärchen, Feenmärchen, Blaubartmärchen, Gruselmärchen und Tiermärchen.

Podcast-Tipp: Märchenpott

Wenn ihr mehr über das Thema Märchen wissen möchtet, findet ihr unseren Podcast Märchenpott auf:

Darin dreht sich alles um das Thema Märchen und was sie uns zu erzählen haben. Und da das eine ganze Menge ist, sprechen wir im Podcast nicht nur über Märchen, sondern auch über Literatur im Allgemeinen, über Geschichte, Film, Fernsehen und Popkultur, Psychologie und die großen Fragen der Menschheit – eben über all das, was Märchen bis heute beeinflussen.