Hintergründe

Ist Wicked ein Märchen?

Wicked Flatlay Bucht

Die Frage, ob es sich bei Wicked, dem Musicalfilm, dessen zweiter Teil aktuell in den Kinos läuft, um ein Märchen handelt, stellen sich wahrscheinlich nicht viele. Wir aber. Warum und weshalb Wicked mehr mit Märchen zu tun hat, als man denkt, zeigen wir euch hier.

Wicked: Der Reiz der anderen Perspektive

Warum ist der Bösewicht böse? Und ist wirklich alles so, wie es scheint? Bekannte Geschichten aus der Sicht des Antagonisten oder der Antagonistin zu erzählen, hat sowohl für Schreibende als auch für Lesende einen gewissen Reiz und bietet viel inhaltliches Potenzial: Figuren werden tiefgründiger, Perspektiven vielfältiger, die Geschichte mehrdeutiger.

Dadurch ergibt sich oft ein Meta-Kommentar darüber, wie Geschichten entstehen und wie Geschichte erzählt wird. Denn die zugrundeliegenden Fragen solcher Geschichten sind stets: Was ist die ursprüngliche Geschichte? Und wer erzählt sie wie und warum?

Disney’s erstes Villain Retelling: Maleficent

Walt Disney hat die Villain Origin Storys 2014 mit Maleficent für sich entdeckt und seine Adaption des Märchens Dornröschen aus dem Jahr 1959 aus der Sicht der (vermeintlich) bösen Fee neu erzählt. Dabei drängen sich einige Gemeinsamkeiten mit jenem Werk auf, das diesen Schritt bereits 1995 ging: Gregory Maguires Roman Wicked

Seine Grundlage: ebenfalls ein Märchen. Maguire schildert in seinem Werk die Geschehnisse vor und während der Handlung des berühmten Märchens Der Zauberer von Oz von Frank L. Baum aus dem Jahr 1900.  

Der Zauberer von Oz

Der Zauberer von Oz ist in Amerika so bekannt wie die Grimm-Märchen bei uns und auch bei uns zählt die Geschichte über Dorothys Reise ins magische Land Oz zu jenen Kinderbuchklassikern, die Kinder seit Generationen begleiten. Was weitaus weniger bekannt ist: Bei Der Zauberer von Oz handelt es sich um ein Märchen. 

Frank L. Baum verfasste die Geschichte gezielt als modernes Märchen und verwendet zahlreiche typische Märchenmerkmale: eine magische Welt, magische Gegenstände, magische und tierische Helfer, Suchwanderung und Heldenreise sowie der Kampf Gut gegen Böse.

Wicked: Was ist gut? Was ist böse?

Gregory Maguire hinterfragt in seinem Mitte der 90er Jahre erschienenen Roman Wicked das von Frank L. Baum entworfene Konstrukt von Gut und Böse und zeigt in seinem ebenso politischen wie gesellschaftskritischen Kommentar auf, wie fatal es ist, sich zu fest an Zuschreibungen wie “gut” und “böse” zu klammern. Denn gerade diese Unterteilung, die uns Menschen eine Sicherheit für unser eigenes Handeln geben soll, ist bei ihm nichts wert. 

Mehr noch: Die Geschichte von Wicked verdeutlicht, wie leicht wir Menschen uns von Labels wie “gut” und “böse” manipulieren lassen und wie schnell uns jene verführen, die in unsere kleingeistigen Vorstellungen passen, während wir voreilig ablehnen, was uns fremd erscheint. Der Mensch sucht nach einfachen Antworten. Und genau an dieser Stelle werden stereotype Darstellungen von Gut und Böse gefährlich.

Gut und Böse im Märchen

Mit einer solchen Aussage scheint es ausgeschlossen zu sein, dass es sich bei Wicked um ein Märchen handelt. Während das Kunstmärchen uns noch den ein oder anderen Grauton eröffnet, lassen Volksmärchen wie die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm mit Gut und Böse bewusst zwei Gegensätze aufeinanderprallen, die unversöhnlich scheinen. Gewinnen, das kann in dieser Textsorte nur das Gute.

Als ultimativer Gegensatz stellt die Dualität von Gut und Böse eines der wesentlichen Merkmale des Märchens dar. Seine Funktion ist klar:

Gut und Böse im Volksmärchen…

  • … drücken sich über klar zugeschriebene Verhaltensweisen aus.
  • … werden nicht in Frage gestellt. 
  • … sollen gesellschaftliche Moral- und Wertvorstellungen festigen, nicht hinterfragen.
  • … schaffen ein einfaches Weltbild.
  • … bringen Kindern das Konzept von Gut und Böse auf einfache Weise näher.

Außerdem spenden sie Hoffnung: Es ist möglich, das Böse zu besiegen und alles in Ordnung zu bringen. Was in der Realität nicht umsetzbar ist, weil die Differenzierung zwischen Gut und Böse eben doch nicht immer so eindeutig ist, wird im Märchen möglich. 

Die Vereinfachung dieser Antithetik auf ein stereotypes Schwarz-Weiß-Muster ist ein Stilmittel des Märchens und ein wichtiger inhaltlicher Aspekt, den wir als Lesende schlicht akzeptieren müssen, weil er der Textsorte inhärent ist. Romane können allein schon deswegen ganz andere Wege gehen, weil sie einer anderen epischen Textsorte angehören und dadurch über andere Optionen verfügen. Wie verhält es sich jetzt aber bei Wicked, einem Märchen-Retelling?

Märchen-Motive in Wicked

Wenn Wicked auf Der Zauberer von Oz, also auf einem modernen bzw. modernisierten Märchen, beruht, ist Wicked dann ebenfalls ein Märchen, vielleicht in einer postmodernen Version? 

Schauen wir uns zunächst an, welche Märchen-Motive in Wicked stecken und wie das Werk Aspekte seiner Vorlage aufgreift und weiter ausbaut:

  1. Die böse Hexe
  2. Die gute Fee
  3. Das magische Königreich
  4. Suchwanderung und Heldenreise
  5. Verwandlungen

1. Die böse Hexe

Eine der klassischen Bösewichte im Märchen ist weiblich, verfügt über Zauberkräfte und lebt meistens allein im dunklen Wald. Die Hexe erfüllt im Märchen eine abschreckende Funktion, die gezielt dafür eingesetzt wird, Kindern Angst zu machen. In ihr bündeln sich sämtliche Eigenschaften des Bösen: Neid, Gier, Missgunst, Grausamkeit und ein unersättlicher Hunger nach Macht.

Ihre Andersartigkeit, symbolisiert auf mehreren Ebenen, etwa durch ihre magischen Fähigkeiten, ihr meist abstoßendes Äußeres (im Märchen immer ein Hinweis auf einen schlechten Charakter) sowie ihr Leben außerhalb der Gesellschaft, machen sie zur Außenseiterin, die die Ordnung bedroht.

Wer Wicked kennt, hat hier wahrscheinlich direkt die grüne Hexe Elphaba vor Augen. Sie ist es, die von Anfang an in diese Rolle hineingedrängt wird. Ihre weibliche Macht wird als Bedrohung empfunden und deshalb zu Gefahr und Chaos erklärt.

2. Die gute Fee

Elphabas Gegenstück ist Glinda, die gute Hexe des Nordens. Sie entspricht dem Typus der guten Fee, der sich durch die französischen Feenmärchen von Charles Perrault etabliert hat. Wir kennen ihn aus seinen Versionen von Aschenputtel oder Dornröschen.

Glinda ist zunächst vor allem eines: schön. Im Märchen ist das meist ein Hinweis auf einen schönen Charakter. Glinda ist aber auch fügsam, widerspricht nicht, geht Konflikten aus dem Weg und versteht es, im System zu funktionieren. Sie wahrt die Ordnung und verfügt, anders als Elphaba, nicht mal über echte Zauberkräfte. Sie fällt somit nicht aus der Norm, sondern hält diese aufrecht. 

3. Das magische Königreich

Das Märchenland in Wicked ist Oz, ein märchenhaftes, symbolisch strukturiertes Reich mit der grünen Smaragdstadt als Zentrum der Macht. Wie im Märchen scheint Magie für die Ozeaner*innen selbstverständlich zu sein. In der Musical-Adaption singen sie im Song “Nur ein Tag”, der in der Smaragdstadt spielt: “Ist er nicht wundervoll? Unser herrlicher Magier!”

Als Stadt der Wunder, der Zauberei und der Sehnsucht ist die Smaragdstadt zudem zunächst das Ziel, an das Elphaba gelangen möchte. Auch ihr größter Wunsch ist es, dem Zauberer von Oz zu begegnen. Bis zu dem Moment, in dem sie beginnt, die Wahrheit zu sehen, steht die Smaragdstadt symbolisch für ihre Suchwanderung.

4. Suchwanderung und Heldenreise

Und damit sind wir bei zwei weiteren wichtigen Märchenelementen: Suchwanderung und Heldenreise. Unter einer Suchwanderung versteht man im Märchen eine lange Reise oder Wanderschaft, die die Hauptfigur auf sich nehmen muss, um eine Person oder einen besonderen Gegenstand zu suchen, aber auch, um sich selbst zu finden.

Sie wird zur Heldenreise, die für den Held oder die Heldin viele Schwierigkeiten bereithält, die er oder sie meistern muss, obwohl sie unlösbar scheinen. 

5. Verwandlungen

In Wicked spielen Verwandlungen eine wichtige und düstere Rolle: Sie werden von den Mächtigen und Magiekundigen eingesetzt, um den Tieren ihre Sprache zu rauben oder Menschen zu verzaubern: Elphaba verwandelt Moq in einen Blechmann und Fiyero in eine Vogelscheuche. 

Wir sehen also: Wicked greift einige ganz klassische Märchenelemente auf. Aber ist Wicked deshalb ein Märchen? Entscheidend ist hier, wie es mit den Märchenelementen umgeht. Und das ist letztlich das, was Wicked so interessant und besonders macht.

Wie Wicked mit Märchenelementen umgeht

Schon Frank. L. Baum hatte es sich zum Ziel gesetzt, mit Der Zauberer von Oz ein modernes Märchen zu schaffen. Schaut man sich sein Werk an, so lässt sich in der Tat feststellen, dass Baum klassische Märchenelemente nutzt und diese neu interpretiert. Das tut auch Wicked, allerdings deutlich radikaler und postmoderner als die Vorlage.

Denn Wicked kehrt klassische Märchenelemente um und dekonstruiert sie im Laufe der Handlung so weit, dass wir unser eigenes Verständnis von Gut und Böse sowie den Umgang damit hinterfragen müssen.

1. Die Umdeutung des Bösen

In Der Zauberer von Oz ist die böse Hexe des Westens die typische Märchenhexe, die Heldin Dorothy besiegen muss, um ihre Heldenreise abzuschließen und nach Hause zurückkehren zu können. Elphaba hingegen ist keine Bösewichtin, sondern eine Außenseiterin, die Ablehnung, Vorurteile und die Angst anderer erfährt. Ihre Figur zeigt uns,

  • wie Diskriminierung Identität prägen kann,
  • wie Anderssein zu Stärke werden kann,
  • und wie innere Werte wichtiger sind als äußere Zuschreibungen.

Elphabas Entwicklung vollzieht sich in einem Spannungsfeld: Einerseits geht es um Selbstannahme entgegen aller gesellschaftlichen Erwartungen, andererseits zahlt sie genau dafür einen hohen Preis. „Böse“ wird hier zum politischen Label. Elphaba ist moralisch integer, aber anders. Eine radikale Politisierung der Antithetik von Gut und Böse, wie wir sie im Märchen finden.

2. Die Umdeutung des Guten

Elphaba ist keine klassische böse Hexe, sie wird von anderen dazu gemacht. Auf ihr werden klischeehafte Vorstellungen abgeladen, wie wir sie aus Märchen kennen. Als Projektionsfläche für Angst und Engstirnigkeit bekommt Oz seine böse Hexe, weil es genau diese böse Hexe will. 

Auch Glinda ist nicht die klassische gute Fee. Auch sie wird lediglich zu diesem stereotypen Abziehbild stilisiert. In Wahrheit ist sie eine Mitläuferin, die das System bestmöglich für sich nutzt und, anders als Elphaba, nicht den Mut hat, sich dagegen aufzulehnen. Das ist schlüssig, weil sie in dieser Welt ganz anders sozialisiert ist: Elphaba weiß von klein auf, was es bedeutet, eine Außenseiterin zu sein. Ihr sehnlicher Wunsch, dazuzugehören und akzeptiert zu werden, erweist sich in dieser Welt als unmöglich. Glinda wiederum gehörte immer schon dazu, war schön und beliebt. Mehr brauchte sie nie zu sein. Das macht sie ebenfalls zu einem politischen Werkzeug: Sie gibt den Bewohner*innen die Illusion, die nötig ist, um das System Oz mitsamt seiner Lügen aufrechtzuerhalten. 

3. Das Zusammenspiel von Gut und Böse

Im Märchen stehen sich Gut und Böse als unversöhnliche Gegensätze gegenüber – und in Extremen. Je grausamer, niederträchtiger und verdorbener das Böse im Märchen auftritt, desto reiner, wahrer und erstrebenswerter wirkt das Gute. Diese Funktion erfüllt Glinda. Als Deuteragonist ist sie die zweitwichtigste Hauptfigur in Wicked, die Protagonistin Elphaba unterstützt, begleitet und kontrastiert. Damit treibt sie die Handlung maßgeblich voran, ohne selbst der absolute Mittelpunkt zu sein.

Zusätzlich brechen sich an ihr die Labels Gut und Böse. Während Elphaba einem klaren moralischen Kompass folgt und den radikalen Schritt geht, für ihre Überzeugungen zur “bösen” Hexe zu werden, wirkt Glinda zunächst schwach. Für die meisten Zuschauenden ist sie aber die eigentliche Identifikationsfigur. Denn auch wenn wir natürlich alle gerne mutig und konsequent wie Elphaba wären, sind wir ehrlich: Würden wir ihren Weg gehen? Oder würden wir es wie Glinda machen und versuchen, im System zu überleben, vielleicht auch davon zu profitieren und es dann, hoffentlich, von innen heraus zersetzen zu können? 

4. Die Konstruktion von Feindbildern

Damit geht ein weiteres zentrales Motiv von Wicked einher: die Konstruktion von Feindbildern durch politische Institutionen. Der Zauberer instrumentalisiert Medien, Gerüchte und öffentliche Narrative. Seine Zauberkraft liegt nicht in der Ausübung magischer Fähigkeiten, sondern in Manipulation und Blendung. Da er Elphaba als Bedrohung seiner eigenen fragilen Macht (und Männlichkeit?) sieht, stilisiert er sie zur Gefahr. 

Damit thematisiert Wicked

  • wie Gesellschaften Sündenböcke schaffen,
  • wie Macht durch Erzählungen legitimiert wird und
  • wie leicht kollektive Angst gelenkt werden kann.

Trotz seines magisch-märchenhaft anmutenden Gewandes ist Oz damit kein zauberhaftes Märchenland, sondern unsere eigene allzu reale Welt, die nach einfachen Antworten brüllt und die Bereitschaft zum Hinterfragen, teilweise sogar zum eigenständigen Denken, verweigert.

5. Grau statt Schwarzweiß

Wicked stellt eine ganz zentrale Frage: Was ist, wenn das Böse nicht böse ist? Die Frage ist eigentlich simpel, verlangt von uns aber eine komplexe Auseinandersetzung mit den eigenen Wertvorstellungen.

Im Gegensatz zum Originalroman, der klare Gegenspieler präsentiert, zeigt Wicked:

  • Glinda ist nicht einfach „gut“ – sie macht Opportunismusfehler.
  • Elphaba ist nicht „böse“ – ihre Taten resultieren aus Mitgefühl und Moral.
  • Der Zauberer ist kein Dämon – eher ein schwacher Mensch, der sich zu sehr an Macht klammert.

Damit fordert das Werk ein kritisches Hinterfragen moralischer Etiketten. Die Böse wird zur Heldin: Elphaba ist nicht die böse Hexe des Westens, die uns in Der Zauberer von Oz präsentiert wird. Sie ist die hochmoralische Außenseiterin, die von Anfang an unsere Sympathien trägt. Wir gönnen ihr ein Happy End. Doch in dem Moment, wo sie diesem glücklichen Ende nahe kommt, wird sie in die Rolle zurückgeworfen, in der wir sie aus Der Zauberer von Oz kennen. Die Korrektur ihrer Figur wird quasi zurückgenommen, nur dass wir sie nicht mehr umkehren können. Wir wissen: Elphaba ist eigentlich die Gute, aber wir müssen mit ansehen, wie das absolut nichts an ihrem Schicksal ändert.

Damit stellt Wicked eine uns bekannte Geschichte auf den Kopf und veranlasst uns, darüber nachzudenken, was wirklich gut und was wirklich böse ist. Wicked zeigt uns, dass es darauf nicht immer eine klare Antwort gibt. Wicked zeigt uns: Die Welt ist eben nicht schwarzweiß. Stereotypes Denken funktioniert nicht. Die Welt ist komplex und die Vorgänge in Oz führen uns vor Augen, was passiert, wenn wir uns dieser Komplexität verweigern.

6. Die Entzauberung des Happy Ends

Märchen leben von ihrem Happy End und der Hoffnung, die sie damit transportieren: Egal, wie schlimm es im Leben ist, es gibt immer einen Weg. Es kann alles gut werden. Das Ende von Wicked ist, vor allem im Musical, bittersüß:

  • Elphaba überlebt, aber nur im Verborgenen.
  • Ihre öffentliche Identität bleibt die „Böse Hexe“.
  • Glinda bleibt zurück und muss mit der Lüge leben.

Darin steckt die desillusionierte, aber im Vergleich zum optimistischen Märchenende deutlich  realistischere Botschaft: Gerechtes Handeln garantiert kein Happy End. Es sind oft nicht Wahrheit und Moral, die sich durchsetzen, sondern Macht und Lüge.

Es ist an uns zu entscheiden, wie wir mit dieser Wahrheit leben: wie Elphaba oder wie Glinda. Begehren wir auf, sind laut und rebellieren oder fügen wir uns und versuchen das Beste aus einem System herauszuholen, an dem wir scheinbar nichts ändern können? Egal wie wir uns entscheiden: Wir zahlen immer einen Preis.

7. Magie

Anders als im Märchen ist Magie in Oz nicht selbstverständlich und wird nicht weiter hinterfragt. Magie ist hier das Mittel von Macht und Machterhaltung. Der scheinbar mächtigste Mann in Oz, der Zauberer, ist ein Scharlatan, dessen magische Fähigkeiten sich auf Manipulation und Blendung beschränken. Glinda, die schöne gute Hexe, kann nicht mehr, als in einer rosa Bubble umherfliegen und eine zuckergussgetränkte Illusion von Magie verbreiten (was übrigens gut zu ihrer Anlehnung an die Märchenfee passt, die wir uns typischerweise als zartes, hübsches Wesen mit Kleidchen und Glitzerflügeln vorstellen. Tatsächlich ist aber auch das bloß ein Klischee).

Um dieses Konstrukt aufrechtzuerhalten, wird nicht nur Elphaba Opfer der Propaganda. Es beginnt schon lange, bevor sie zum Feindbild erklärt wird mit dem Silencing der Tiere. Eigentlich sind Tiere in Oz vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und arbeiten in intellektuell anspruchsvollen Berufen, bis sie plötzlich ihre Fähigkeit verlieren, zu sprechen und in Käfigen gehalten werden. Sie sind die ersten Opfer eines machthungrigen Despoten.

8. Die Beziehung zwischen Glinda und Elphaba

Die komplexe Beziehung zwischen Glinda und Elphaba ist das Herz von Wicked. Anders als im Märchen wird uns hier eine Frauenfreundschaft präsentiert, die verschiedene Phasen sowie Höhen und Tiefen durchläuft. 

Sie symbolisiert:

  • die Schwierigkeit, Verbindung trotz Unterschiede zu finden,
  • die Macht echter Freundschaft

Die Beziehung von Elphaba und Glinda ist wichtiger und emotionaler als jede Liebeshandlung. Fiyero ist eher eine Nebenrolle, wenn es um ihn geht, dann hauptsächlich, um die Beziehung zwischen Elphaba und Glinda zu spiegeln.

Und diese Beziehung ist ebenso komplex und vielfältig les- und interpretierbar wie die gesamte Geschichte. Der Kern des Ganzen aber ist eine Freundschaft, die ganz elementare Fragen aufwirft: 

  • Funktioniert Freundschaft zwischen charakterlichen Gegensätzen? 
  • Was hält Freundschaft aus? 
  • Was kann Freundschaft verzeihen? 
  • Was macht Freundschaft aus?

Wicked ist besonders, weil es die komplexe, ambivalente und tief menschliche Frauenfreundschaft zwischen Elphaba und Glinda in den Fokus stellt. Das ist bewusst anti-märchenhaft, ein Gegenentwurf zu Märchenklischees weiblicher Rivalinnen und dem romantischen Happy End.

Ist Wicked nun ein Märchen? Ein Fazit

Wicked ist ein Werk über Empathie, Perspektivwechsel und gesellschaftliche Manipulation – und damit weit politischer und moralisch komplexer als das ursprüngliche Oz-Märchen. Es übernimmt die in der Vorlage angelegten klassischen Märchenelemente, aber verwendet und verwandelt sie viel radikaler als Der Zauberer von Oz. Während Frank L. Baum die Märchenstruktur modernisiert, zerlegt Gregory Maguire diese Struktur bewusst, kommentiert sie und setzt sie neu zusammen. 

Wicked nutzt Märchenelemente als Rohmaterial, um sie umzudeuten. Damit geht Wicked einen Schritt weiter als Der Zauberer von Oz. Baums Geschichte ist ein optimistisches, kindgerechtes, aber trotz Modernisierungen noch märchentypisches Werk. Wicked dekonstruiert Märchen und führt uns als ein politisches, psychologisches sowie subversives Gegenmärchen vor Augen, wie schnell wir auf “Märchen” hereinfallen, weil wir tief in unserm Innern vielleicht genau das möchten, was uns die Textsorte Märchen liefert: einfache Antworten.

Podcast-Tipp:

Noch mehr über Wicked und die wundervolle Welt von Oz? Dann hört euch unsere Podcast-Folge 111 „Keiner weint um Hexen“ an. Direkt hier oder überall, wo’s Podcasts gibt.