Die Märchen der Brüder Grimm mit ihrer Erzähltradition sind auch ein Symbol für eine Welt, in der alles wieder in Ordnung kommt. Doch was passiert, wenn alte Geschichten nicht mehr funktionieren? Diese Frage wirft Günter Eich in seinem Gedicht „Brüder Grimm“ auf.
“Brüder Grimm” von Günter Eich: Teil der Nachkriegsliteratur
Das Gedicht “Brüder Grimm” wurde 1957 vom deutschen Lyriker und Hörspielautor Günter Eich verfasst und im Jahr 1964 im Gedichtband Zu den Akten im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Damit gehört es zur Literaturepoche der deutschen Nachkriegsliteratur, deren Kontext sich auch in diesem Gedicht widerspiegelt.
Ein besonderes Merkmal dieses Gedichts ist, dass es Motive aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm aufgreift, diese aber verfremdet und auf eine assoziative Weise miteinander verwebt.
Aufbau des Gedichts
Das Gedicht ist vergleichsweise kurz und besteht aus lediglich zwölf Versen. Diese sind ganz unterschiedlich lang und bestehen aus einem bis zu maximal sieben Wörtern. Auch silbentechnisch weisen die Verse keine einheitliche Länge auf, sodass, anders als bei klassischen Gedichten hier keine harmonische Einheit erzielt wird.
Weiterhin gibt es kein Reimschema und kein durchgängiges Metrum. Bereits die formale Gestaltung des Gedichts macht also deutlich: Eich hält sich hier nicht an bestehende sprachliche Konventionen, sondern weicht bewusst von dem ab, was die Leserschaft mit klassischen Gedichten in Verbindung bringt. Auf formaler Ebene wird hier also ein Bogen zum Inhalt des Gedichtes geschlagen, das mit den typischen Assoziationen rund um die Märchen der Brüder Grimm bricht.
Wirkung der gewählten Form
Dennoch wirkt das Gedicht nicht formlos. Durch die kurzen Verse, die starken Zeilensprünge sowie die auffälligen Einzelwörter entsteht ein sehr kontrollierter Rhythmus. Trotz einer offenen, knappen und sehr reduzierten Sprache nimmt Eich also durchaus ein sehr charakteristisches Merkmal von Gedichten auf, ohne sie durch ein Versmaß in eine bestimmte Form zu pressen. Er spielt mit diesem Merkmal. Genau das tut er auch auf inhaltlicher Ebene.
“Brüder Grimm”: Darum geht es
In der ersten Strophe des Gedichts warten Kinder im Keller auf ihre Eltern, die versprochen haben, bald zurück zu sein.
Doch statt der Eltern kommmen in der zweiten Strophe Wolf, Hyäne und Skorpion und bringen Semmeln, Spaten und das Fernsehprogramm mit. In der dritten Strophe brennt der Brennesselbusch ohne Feuer und die Eltern sind lange weg.
Bezüge zu den Grimmschen Märchen
Die Verbindung zu den Brüdern Grimm wird über den Titel des Gedichts hergestellt. Durch ihn lässt sich auch der motivische Einstieg in Vers 1, der allein aus dem Nomen “Brennesselbusch” besteht, einordnen: Es ist ein direkter Bezug zur Grimmschen Märchenwelt, allerdings nicht zu bekannten Märchen wie Rapunzel, Schneewittchen oder Rotkäppchen, sondern zum Märchen Jungfrau Maleen.
In diesem Märchen, das ab der 6. Auflage von 1850 an Stelle 198 der Kinder- und Hausmärchen steht, findet sich die Titelheldin nach sieben Jahren Gefangenschaft in einer zerstörten und verbrannten Landschaft wieder und muss sich unter anderem von Brennnesseln ernähren.
Weitere Verbindungen
Auch in dem Märchen Die sieben Raben spielen Brennnesseln eine wichtige Rolle: Die Protagonistin muss Hemden aus Brennnesseln für ihre verwunschenen Brüder nähen und darf dabei jahrelang nicht sprechen oder lachen. Für beide Figuren liegt darin eine Herausforderung, denn eine Berührung mit den Pflanzen bedeutet Schmerz.
Dieser Aspekt wird im folgenden Vers aufgegriffen, wenn von den “gebrannten Kindern” (V. 2) die Rede ist, die hinter Kellerfenstern warten (V.3). Eich erzählt nicht das Märchen nach, sondern verknüpft Märchenmotivik mit Kriegserfahrung: Die Kinder, die auf ihre Eltern warten, erinnern an Hänsel und Gretel. Das Attribut “gebrannt” nimmt ihnen aber ihre Unschuld und Unversehrtheit und ist zudem historisch mit der zum Entstehungszeitpunkt noch nicht weit zurückliegenden Kriegserfahrung aufgeladen. Es erinnert an Feuer, Bombenangriffe und Zerstörung. Die Tatsache, dass die Kinder sich im Keller aufhalten, verweist ebenfalls auf die Situation während des Zweiten Weltkrieges, als die Bevölkerung bei Bombenalarm in Kellern Schutz gesucht hat.
Märchen trifft Nachkriegszeit
Gleichzeitig stellt der Keller als Ort wieder einen Bezug zum Märchen Jungfrau Maleen her: Er erinnert er an die eingeschlossene bzw. im Turm eingemauerte Hauptfigur des Märchens, wobei Eich hier mit einem Gegensatz spielt: Der Turm befindet sich in der Höhe, der Keller unter der Erde. Das Spiel mit Gegensätzen ist ein charakteristisches Merkmal in Volksmärchen.
Bedeutend ist die Aussage in Vers 4 und 5: “Die Eltern sind fortgegangen, sagten, sie kämen bald.” Diese Aussage für sich genommen wirkt alltäglich, nüchtern. Die vorangegangenen Verse reichen aber bereits aus, um bei den Lesenden die ungute Ahnung aufkommen zu lassen, dass die Eltern eben nicht so bald wieder zurückkommen werden. Das wissen wir aus dem hier Märchen Hänsel und Gretel, auf das hier angespielt wird. Eich nutzt demnach einen aus einem bekannten Märchen vertrauten Sachverhalt, um unterbewusst eine beklemmende Atmosphäre zu kreieren.
Das Ende des Gedichts
In der dritten Strophe wird dieser Aspekt an gleicher Stelle, nämlich in den letzten beiden Versen der Strophe, wieder aufgenommen und zu Ende erzählt: Die Eltern bleiben lange weg. Durch den Einsatz des Enjambements in Vers 12 wird die Betonung auf das Wort “lange” gelegt. Wie lange, darüber werden die Lesenden in Unkenntnis gelassen. Als offenes Ende wird stattdessen die Frage aufgeworfen: Kommen sie überhaupt zurück?
Im Märchen haben wir die Gewissheit: Es gibt ein Happy End. Der Krieg hingegen hat Familien auseinandergerissen, Kinder zu Waisen gemacht und familiäre, aber auch gesellschaftliche Strukturen zerstört. Die Eltern fungieren hier also als Symbol für Schutz, Sicherheit und Ordnung, die es für die Kinder im Gedicht so wie für viele Kinder im Nachkriegsdeutschland nicht mehr gibt.
Die Tiere im Gedicht
Die zweite Strophe beginnt mit einem erneuten Bruch mit den Erwartungen der Lesenden. Statt der Eltern kommen Wolf, Hyäne und Skorpion zu den Kindern. Der Wolf ist als Bösewicht eindeutig der Grimmschen Märchenwelt entlehnt, wir kennen ihn als tierischen Antagonisten aus Märchen wie Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein oder Der Wolf und der Fuchs. Typisch für den Wolf im Märchen: Er ist gierig, gefräßig und gefährlich. Wenn er auftritt, weiß die Leserschaft, was passiert.
Nicht so in diesem Gedicht, das an diesem Punkt ins Surreale abdriftet: Der Wolf bringt Semmeln mit. Er, der alles verschlingende Vielfraß, der auch Kinder frisst, bringt hier Nahrung mit.
Dreifache Steigerung
Er ist der Erste einer Dreierreihe wilder Tiere. Die Climax, die als dreifache Steigerung daherkommt, nimmt hier auf die gängige Erzählweise von Märchen Bezug: drei Schwestern, drei Prüfungen, drei Gefahren. Doch es bleibt surreal, denn die Hyäne, die auftritt, ist zumindest in den Märchen der Brüder Grimm kein typisches Märchentier. Stattdessen ist sie ein Aasfresser, der passenderweise einen Spaten mitbringt – vielleicht um ein Loch auszuheben und ein Grab zu schaufeln?
Todbringend ist jedenfalls das Gift des Skorpions, der die Dreiergruppe komplettiert. Dass ausgerechnet er ein Fernsehprogramm mitbringt, wirkt zunächst absurd, erfüllt aber eine wichtige Funktion: Es holt die Handlung aus der Märchenwelt ins Hier und Jetzt, also ins Deutschland der 50er Jahre. Die moderne Alltagswelt prallt hiermit auf die Märchenwelt mit ihren tradierten Erzählmustern. Im Jahr 1957 befand sich die Bundesrepublik bereits mitten im wirtschaftlichen Wiederaufbau. Das Fernsehprogramm im Gedicht ist dafür ein Symbol: Die moderne Konsum- und Mediengesellschaft ist längst da, die Vergangenheit aber nicht verschwunden. Unter der um Normalität bemühten Gegenwart liegt hier also die traumatische Erinnerung einer in Trümmern liegenden Vergangenheit.
Die Sprache des Gedichts
Wie bereits erwähnt, arbeitet Eich mit einer extrem reduzierten Sprache. Seine Sätze sind kurz und parataktisch, es gibt keine Beschreibung des Geschehens. Auch die Metaphorik ist knapp statt ausladend und erklärt sich nicht von selbst. Die Leserschaft muss die Verbindungen selbst herstellen. Ein einmaliges Lesen des Gedichts reicht dafür nicht aus, sondern lässt die Leserin oder den Leser erst einmal ratlos zurück.
Darin liegt die Aufforderung, sich länger und intensiver mit dem Gedicht auseinanderzusetzen. Diese Botschaft spiegelt die unterschiedliche Ausrichtung der Nachkriegsliteratur wider, die sich uneinig über Verdrängung und Verarbeitung der NS-Zeit war: Jene, die das Gedicht lesen und sich nicht weiter damit beschäftigen, stehen dabei für jene, die sich nicht weiter mit der Vergangenheit und den damit einhergehenden Fragen nach Schuld und Verantwortung auseinandersetzen wollen. Jene, die bereit sind, sich damit zu beschäftigen, gehen hingegen einen wichtigen Schritt Richtung Verarbeitung.
Die Metaphorik
Obgleich Eich auf ausufernde Metaphorik verzichtet, sind die sprachlichen Bilder, die er verwendet, sehr intensiv. Das gilt vor allem für den Brennesselbusch, der das Gedicht eröffnet und als einziges Wort des Verses seine Bedeutung schon allein durch seine Positionierung unterstreicht.
In Strophe drei wird der Busch mit einem Paradoxon wieder aufgenommen: „Ohne Flammen / brennt draußen der Brennesselbusch” (V. 10 und 11). Wie schon in Strophe eins löst das Brennen den Brennesselbusch aus seinem märchenhaften Kontext. Es stellt die Verbindung zu den gebrannten Kindern (V. 2) wieder her und ruft somit erneut die Assoziationen zu Krieg und Zerstörung herbei. Die Tatsache, dass der Busch ohne Flammen brennt, kann als Verweis auf die durch den Krieg verursachten Traumata gedeutet werden: Das Feuer, sprich der Krieg, ist erloschen, also vorbei, seine Folgen wüten aber weiter.
Die Bedeutung des Brennesselbuschs
Der Brennesselbusch weckt aber auch weitere märchenhafte Assoziationen: In Der Liebste Roland wird die Hexe in einem Dornenbusch zerrissen, in dem deutlich bekannteren Märchen Dornröschen ist das verwunschene Schloss von einer Dornenhecke umgeben. Von dort ist der Gedanke nicht weit bis zum brennenden Dornbusch in der Bibel, der brennt, ohne zu verbrennen. Der Brennesselbusch schafft hier also Verbindungen zwischen mehreren kulturellen Ebenen und der Wirklichkeit im Deutschland der Nachkriegszeit.
Als stärkstes Bild des Gedichts eröffnet und schließt er das Gedicht. Auch hier gibt es einen Bezug zu einem Märchen aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm: Im Märchen Schneeweißchen und Rosenrot ist es der Rosenstrauch mit weißen und roten Rosen, der die Geschichte umrahmt.
Ausbleibende Erlösung
Für die Kinder in dem Gedicht bedeutet dieser metaphorische Rahmen: Sie sind nicht weiter als am Anfang, denn sie warten noch immer auf ihre Eltern. Sie verharren in Stillstand und Ungewissheit, anders als im Märchen gibt es für sie keine Erlösung.
Damit hebelt der Autor ein zentrales Motiv des Volksmärchens aus: Normalerweise führt die Geschichte durch eine Krise hindurch zur Erlösung. Die Gefahr wird überwunden, das Böse bestraft, die Ordnung wird wiederhergestellt. Bei Eich bleibt das aus, die bekannte Märchenlogik ist ausgesetzt. Die Leserschaft bleibt wie die Kinder im Ungewissen.
Historischer Kontext
Eich war selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg und geriet 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft; als Nachkriegsautor wurde er insbesondere mit Gedichten wie „Inventur“ bekannt. Dieses Gedicht ist ein zentraler Text der Trümmerliteratur, die unmittelbar nach Kriegsende 1945 entstand.
Doch auch “Brüder Grimm” zeigt anhand der kulturell vertrauten Märchenwelt eine Welt, die noch immer in Trümmern liegt. Trotz des Wiederaufbaus brennt sie weiter, angetrieben von den Traumata des Krieges, die noch nicht verarbeitet wurden.
Abschluss und Fazit
Abschließend lässt sich also festhalten, dass Günter Eich mit seinem Gedicht “Brüder Grimm” die vertraute und tradierte Märchenwelt mit der zerstörten Welt der deutschen Nachkriegsgesellschaft verbindet. Die Märchen, als Symbol für das, was einmal war, liegen in Trümmern, sie sind nicht mehr so, wie die Menschen sie einst kannten und lassen sich vielleicht auch nicht mehr so erzählen, weil die Erfahrungen und Erlebnisse die Menschen verändert haben.
Indem er bekannte Märchenmotive und erzählerische Bestandteile der Grimmschen Märchen aufnimmt, diese aber entfremdet und vor allem ihrer finalen Erlösung beraubt, entsteht ein Anti-Märchen, das uns die Rückkehr zur Ordnung verweigert und zeigt: Die Idee vom Happy End ist eben nicht mehr als ein Märchen.
Aussage des Gedichts
Eich setzt dabei die Kenntnis der Grimmschen Märchen voraus, denn ohne diese kulturelle Erinnerung wären Brennesselbusch, Wolf, Kinder und das Warten auf Rettung weit weniger bedeutsam. Dem Titel des Gedichts kommt hier die Schlüsselfunktion zu: Ohne ihn wäre die Verbindung zu Märchen nur schwer möglich.
Günter Eich nutzt somit die kollektive Erinnerung an Märchen, um über eine Welt zu sprechen, in der die alten Geschichten nicht mehr funktionieren. Übertragen auf die Situation im Nachkriegsdeutschland lässt sich das auch folgendermaßen lesen: Das Früher gibt es nicht mehr. Es gilt, sich in einer neuen Welt zurechtzufinden, die für immer von dem geprägt sein wird, was war: der Zweite Weltkrieg.
