Könnt ihr euch noch an “Peterchens Mondfahrt” erinnern? Die Geschichte vom Maikäfer Herr Sumsemann auf der Suche nach seinem verlorenen Beinchen ist eine bekannte Kindergeschichte. Doch wusstet ihr, dass es sich dabei um ein Märchen handelt? Wir verraten euch, warum.
Peterchens Mondfahrt: Darum geht’s
Einst wurde einem Maikäfer ein Beinchen gestohlen. Das befindet sich jetzt seit tausend Jahren auf dem Mond, und alle Maikäfer der Familie Sumsemann werden seitdem mit nur fünf Beinchen geboren. Aber es gibt eine Chance auf Erlösung: Es muss der Familie gelingen, zwei Kinder zu finden, die noch nie ein Tier gequält haben. Das gestaltet sich leider als ziemlich schwierig und erst Herr Sumsemann, der Letzte seiner Sippe, scheint mit den Kindern Peterchen und Anneliese endlich die Richtigen gefunden zu haben. Zusammen begeben sie sich auf eine abenteuerliche Reise zum Mond.
Erinnert ihr euch an diese Geschichte? Und erinnert ihr euch auch an all die fantastischen Figuren, denen die Kinder auf ihrer Reise durch den Weltraum begegnen? Nachtfee und Sandmännchen, Donnermann, Windliese, Wolkenfrau, Blitzhexe und Hagelhans, die Morgen- und die Abendröte und nicht zu vergessen der Bösewicht der Geschichte: der Mondmann. Die fantasievolle Geschichte von Gerdt von Bassewitz heißt “Peterchens Mondfahrt” und wurde 1912 erstmals als Theaterstück, 1915 dann als Buch veröffentlicht und ist in der Märchenliteratur etwas ganz Besonderes. Warum erfahrt ihr hier.
Warum Peterchens Mondfahrt ein Märchen ist
Die Geschichte von Peterchen, Anneliese und Herr Sumsemann ist bis heute eine bekannte Kindergeschichte und weist typische Märchenmerkmale auf. Dazu gehören:
- Die Handlung spielt in einer fantastischen Welt: Peterchen und seine Schwester reisen durch den Weltraum, wo sie allerhand Fantasiewesen begegnen.
- Es gibt übernatürliche Elemente, z.B. Magie: Wesen wie die Nachtfee oder die Blitzhexe sind eindeutig magische Figuren. Weiterer Beispiele: Die Protagonist*innen reisen mit einer magischen Mondkanone und auf der Weihnachtswiese wachsen Spielzeug und Süßwaren.
- Gut und Böse stehen sich als Gegensätze gegenüber: Dieses klassische Gegensatzpaar ist auch hier der Grundkonflikt der Geschichte und spitzt sich in einem Finale zu, in dem Gut gegen Böse aufeinandertreffen und das Böse besiegt werden muss.
- Mit Peterchen und Anneliese haben wir in dieser Geschichte zwei Kinder, die eine Heldenreise antreten. Gemeinsam mit Herrn Sumsemann, der als Insekt ebenfalls eine eher untypische Figur ist, müssen sie Prüfungen bestehen und gegen das Böse kämpfen.
- Es gibt ein Happy End.
- Es finden sich Personifikationen von Tieren: Ganz selbstverständlich können die Geschwister mit Herrn Sumsemann sprechen.
Wichtig anzumerken ist an dieser Stelle: Bei “Peterchens Mondfahrt” handelt es sich nicht um ein Volksmärchen, sondern um ein Kunstmärchen. Denn anders als Volksmärchen, wie sie uns in verschriftlichter Form etwa in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm begegnen, hat die Geschichte von Gerdt von Bassewitz keinen mündlichen Ursprung, sondern einen festen, namentlich bekannten Autor, der sich die Geschichte gezielt ausgedacht hat.
Auch sind die Personenbeschreibungen in dieser Geschichte detaillierter als in Volksmärchen und die Erzählform ist weniger eindimensional.
Was macht Peterchens Mondfahrt so besonders?
Trotz dieser klassischen Märchenelemente ist “Peterchens Mondfahrt” kein Märchen wie jedes andere – wenn man so etwas überhaupt über Märchen sagen kann. Auf jeden Fall aber stellt “Peterchens Mondfahrt” eine Besonderheit in der Märchenliteratur dar, weil es…
- … Märchenmerkmale mit einer mystischen Kulisse verbindet.
- … Astronomie und Fantasie miteinander verschmilzt.
- … die bekannte und sehr alte Vorstellung vom Mann im Mond aufgreift.
- … viele ebenso tiefsinnige wie zeitlose Themen bedient.
- … viele mythologische Bezüge aufweist.
Märchenelemente vor mystischer Kulisse
Bassewitz’ Kunstmärchen greift die charakteristischen Merkmale eines Märchens auf und lässt sie sich vor einer ungewöhnlichen Kulisse entfalten: der Reise zum Mond. Bis heute und einmal mehr zur Entstehungszeit der Geschichte ist der Weltraum ein geheimnisvoller Ort, eine für uns fremde und mysteriöse Welt, die unsere Fantasie anregt.
Verschmelzung von Astronomie und Fantasie
Zusätzlich zu diesen ohnehin schon mit Geheimnissen und Rätseln aufgeladenen und schwer greifbaren Weiten verschmelzen in “Peterchens Mondfahrt” Astronomie und Fantasie miteinander, was als Vorgriff auf moderne Fantasy- und Science-Fiction-Literatur gewertet werden kann.
Das Figurenensemble setzt sich aus bekannten Figuren aus der Kindheit zusammen – Sandmännchen, Weihnachtsmann und Christkind sowie der Osterhase – und wird um weitere Fantasiewesen erweitert, die alle an Himmelsphänomene angelehnt sind, etwa Naturgewalten wie der Regenfritz oder der Sturmriese, Sternbilder wie der Große Bär oder der Wassermann und Sterne wie der Morgen- und der Abendstern.
Der Mythos vom Mann im Mond
Peterchen, Anneliese und Herr Sumsemann müssen mit der Mondkanone auf den großen Mondberg geschossen werden, wo jene Birke steht, an der das sechste Beinchen des Herrn Sumsemann hängt. Dort lebt auch der Mondmann, ein Holzfäller, der einst auf den Mond verbannt wurde. Hinter dieser Idee verbirgt sich eine sehr alte Sage aus dem Mittelalter. Damals erzählte man sich, dass der Mann im Mond ein Sünder sei, der am Sonntag Holz gesammelt habe und zur Strafe auf den Mond verbannt worden sei.
Insgesamt nutzt von Bassewitz hier eine sehr alte und weit verbreitete Vorstellung. Schon vor Hunderten von Jahren haben Menschen in die dunklen Flecken des Mondes geschaut und ein Gesicht erkannt. Das nennt sich Pareidolie, die Suche unseres Gehirns nach Mustern, insbesondere nach Gesichtern. Sie erklärt, warum Menschen überall auf der Welt unabhängig voneinander im Mond eine Figur erkennen – und warum der Mann im Mond in Sagen und Mythen weltweit eine Rolle spielt. Heutzutage ist der „Mann im Mond“ eher ein kulturelles Symbol: für Romantik, Einsamkeit, Kindheit und Fantasie. Und genau an diesem Punkt entsteht die Verbindung zu “Peterchens Mondfahrt”: In den Vorstellungen vom Mann im Mond laufen Naturbeobachtung, Mythologie und Fantasie zusammen. Und genau das passiert auch im Märchen.
Tiefsinnige und zeitlose Themen
“Peterchens Mondfahrt” ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass Märchen weitaus tiefsinniger sind, als allgemein angenommen. Denn hinter der märchenhaften Fassade steckt eine große Themenvielfalt:
- Verlust und Wiederherstellung
- Trauer, Hoffnung und Gerechtigkeit
- Der Kampf zwischen Gut und Böse
- der Zusammenhalt zwischen Geschwistern
Diese Themen waren nicht nur zur Entstehungszeit der Geschichte relevant. Sie sind es noch immer, weshalb wir uns noch heute mit dieser Geschichte identifizieren können.
Mythologische Bezüge
Neben klassischen Themen und Merkmalen von Märchen lassen sich in “Peterchens Mondfahrt” auch viele mythologische Bezüge finden, unter anderem folgende:
- Der Mond als mythischer Ort: In vielen Kulturen ist der Mond ein mythisch aufgeladener Ort – geheimnisvoll, unerreichbar und oft der Sitz übernatürlicher Wesen oder Kräfte. In „Peterchens Mondfahrt“ wird der Mond von bösen Mächten bewacht – dem Mondmann. Der Mond steht hier also für das Wunderbare, das Jenseits, ähnlich der Anderswelt in der keltischen oder germanischen Mythologie. Aber auch für die Literaturepoche der Romantik war der Mond ein mythisches Motiv, das für Träume und das Geheimnisvolle stand.
- Personifizierte Naturgewalten: Auf dem Weg zum Mond begegnen Peterchen, Anneliese und Herr Sumsemann verschiedenen Naturgeistern und kosmischen Mächten, die personifiziert sind.
- Die Nachtfee: Sie ist eine zentrale Figur des Märchens. Sie herrscht über den Himmel, hilft den Kindern auf ihrer Reise und ist eine Mischung aus Feengestalt (wie man sie aus keltischer Mythologie kennt), Mondgöttin (vergleichbar mit Selene oder Artemis in der griechischen Mythologie) und einer Art himmlischer Königin oder Schutzgöttin. Sie symbolisiert das Gute, Schützende und Transzendente – ein klassisches mythologisches Motiv.
- Der Kampf gegen das Böse: Der Mondmann ist eine dämonische Figur, die für Chaos, Unrecht aber auch das Unnatürliche oder Widersinnige steht. Der Kampf gegen ihn folgt einem klassischen mythologischen Motiv: Held*innen steigen in eine fremde Welt hinab oder auf, besiegen das Böse und bringen etwas Wertvolles zurück – hier das Bein von Sumsemann.
- Kindliches Initiationsmotiv: Peterchen und Anneliese übernehmen die Rolle von Held*innen auf einer Initiationsreise – ein häufiges Motiv in Mythen.Sie verlassen die Alltagswelt, bestehen Prüfungen in einer anderen Welt und kehren dann verändert, sprich reifer zurück.
- Kosmische Ordnung und Harmonie: Das Märchen stellt eine Welt vor, in der Natur und Kosmos beseelt sind und in Harmonie leben – sofern nicht gestört durch böse Mächte. Dieses Denken ist typisch für mythische Weltbilder, etwa in der Antike, im Schamanismus oder im romantischen Naturverständnis.
Insgesamt ist „Peterchens Mondfahrt“ also stark durchdrungen von mythologischen, märchenhaften und kosmologischen Motiven wie
- personifizierten Naturkräften,
- eine Reise in eine Anderswelt,
- der Kampf zwischen Gut und Böse und
- kindliche Helden auf einer mythischen Mission.
Zusammen mit der poetischen, bildhaften Sprache kreiert Gerdt von Bassewitz so eine magische Atmosphäre, die den Eindruck erweckt, es handle sich um einen langen, schönen Traum.
Peterchens Mondfahrt: ein Fazit
Warum “Peterchens Mondfahrt” also etwas Besonderes ist? In dieser Geschichte werden kindliche Fantasie und alte Mythen und Legenden lebendig. Mythologische Vorstellungen treffen dabei auf Märchenelemente und erschaffen eine einzigartige, weltentrückte Kulisse, vor der sich ganz zeitlose, zutiefst menschliche und damit uns sehr nahe Themen abspielen. Also, falls ihr das Buch, das Hörspiel oder den Film noch zuhause habt: Begebt euch doch mal wieder auf die abenteuerliche Reise zum Mond und lasst eure Fantasie schweifen.
Podcast-Tipp: Der Mond im Märchen
Der Mond spielt aber nicht nur in „Peterchens Mondfahrt“ eine große Rolle. Auch in anderen Märchen taucht er auf. In welchen und welche Bedeutung der Mond im Märchen generell hat, hört ihr in unserer Folge 102 „Von dem Monde“.
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