Hintergründe

Literaturwissen: Was ist eine Fabel?

Was ist eine Fabel? Der Wolf und das Lamm Gemälde von Jean-Baptiste Oudrys

Reinecke Fuchs, Isegrim oder Meister Petz – diese Tiernamen gehören zu einer bestimmten Textsorte: der Fabel. Doch was genau ist eine Fabel? Und welche Merkmale sind typisch für sie? Hier kommen alle Antworten auf die Frage „Was ist eine Fabel“?

Vielleicht erinnert ihr euch noch an die kleine Maus, die dem Löwen beweist, dass sie trotz ihrer Größe ziemlich nützlich sein kann? Oder an Schilfrohr und Ölbaum, die darüber streiten, wer denn stärker sei? Texte, in denen Tiere oder Pflanzen miteinander streiten, sind Fabeln. Die kennt ihr vielleicht noch aus dem Deutschunterricht, wo es immer hieß: Was ist die Lehre davon?

Um die herauszufinden, sollte man natürlich erst einmal wissen, was eine Fabel eigentlich genau ist und welche Merkmale für sie typisch sind. Und genau das erklären wir euch in diesem Artikel zum Thema “Was ist eine Fabel?”

Was ist eine Fabel? Eine Definition

Die Frage „Was ist eine Fabel“ lässt sich leicht beantworten: Bei einer Fabel handelt es sich um eine kurze beispielhafte Erzählung, die eine moralische Lehre vermittelt. Das Besondere an ihr: Sie überträgt meist bestimmte menschliche Eigenschaften auf Tiere, manchmal auch auf Pflanzen oder Gegenstände. Die Handlung ist frei erfunden.

Der Begriff leitete sich vom lateinsichen Wort fabula, ab, was „Geschichte, Erzählung, Sage“ bedeutet. Als erzählender Text gehört die Fabel zur literarischen Gattung der Epik. Im Wesentlichen orientiert sich die Fabeldichtung an den Fabeln des antiken Dichters Äsop, der als Begründer der europäischen Fabeldichtung gilt. Die älteste überlieferte Fabel findet sich in Hesiods Lehrgedicht Werke und Tage. In der Antike wurde die Fabel allerdings nicht als eigenständige Textsorte angesehen, sondern als rhetorisches Element verwendet. 

Das sind die Merkmale einer Fabel

Jede Textsorte hat bestimmte Merkmale, anhand derer ihr sie erkennen könnt. Das gilt auch für die Fabel. Für sie sind folgende Merkmale typisch:

  • Tiere spielen die Hauptrolle.
  • Fabeln sind einfach.
  • Es gibt nur wenige Figuren.
  • Die Figuren erleben keine charakterliche Veränderung.
  • Zeit und Ort in einer Fabel sind nicht genau benannt.
  • Fabeln verweisen auf allgemeingültige Themen.
  • Fabeln haben immer eine belehrende Moral.

Tiere in der Hauptrolle

Das auffälligste Merkmal einer Fabel ist die Personifikation von Tieren. Sie spielen in dieser Textsorte meist die Hauptrolle und verkörpern menschliche Eigenschaften wie Klugheit, Faulheit, Hochmut oder Stärke. Welche Eigenschaften sie verkörpern, steht dabei fest und ist unveränderlich. Aus diesem Grund könnt ihr Fabeltiere immer mit bestimmten Eigenschaften gleichsetzen: Der Fuchs steht beispielsweise für Klugheit und List, der Wolf für Gier oder der Hund für Treue. Zudem haben Tiere in Fabeln oft bestimmte Namen wie Isegrim (Wolf), Reinecke (Fuchs) oder Adebar (Storch). Sie unterstreichen die Eigenschaften des Tieres.

Nicht alle dieser Merkmale müssen in jeder Fabel vorkommen, einen Großteil davon findet ihr aber in ihnen wieder.

TierFabelnameEigenschaften
BärPetz, Meister Petz, Braungutmütig, freundich, etwas einfältig und naiv
DachsGrimbartnachdenklich, ruhig, unfreundlich
EnteTybbkedumm
EselLangohr, Boldeqynstörrisch, faul
FuchsReinecke, Reinhartschlau, listig, durchtrieben
GansAdelheidgeschwätzig
HahnHenningeitel, schlau
HaseLampe, Meister Lampeängstlich, vorsichtig, vorlaut
HundHylaxtreu, sorglos
IgelArbnora, Swineigelschlau,
KanninchenÄuglervorlaut, frech
KaterHinze, Murr, Murnerstur, eigensinnig
KräheMerkenaunaseweis
LöweLeo, Leu, König der Tiere, Nobelstolz, stark, königlich, mächtig
RabePflückebeutelbesserwisserisch, diebisch, eitel, dumm
StorchAdebar, Meister Adebar
hochmütig, gelehrt, bringt die Kinder
WolfIsegrimverlogen, gierig, rücksichtslos, böse
ZiegeMetkemeckernd

Wie diese Liste zeigt, sind die Charaktere der Tiere in Fabeln nicht besonders vielschichtig, sondern auf ein paar wenige Eigenschaften beschränkt. Das führt dazu, dass die Tiere nicht weiter erklärt oder im Text charakterisiert werden müssen. Stattdessen ist schon im Vorfeld klar, dass beispielsweise der schlaue Fuchs über den gierigen Wolf triumphiert. 

Übrigens: Nicht in jeder Fabel begegnen euch Tiere. Auch Pflanzen oder Gegenstände können die Protagonisten dieser Geschichten sein.

Fabeln sind einfach

Fabeln sind einfach. Sie wollen weder eine vielschichtige Handlung noch facettenreiche Charaktere präsentieren. Folglich gibt es keine Nebenhandlungen oder ausufernde Landschaftsbeschreibungen. Auch die Sprache ist in der Regel simpel gehalten, damit sie allgemein verständlich ist und ihre Lehre dadurch auch ihren Zweck erfüllt.

Zum Aspekt der Einfachheit passen auch die weiteren Merkmale einer Fabel:

  • wenige Figuren: Es gibt nur wenige Figuren, die keine Erklärung benötigen, weil ihre Rolle direkt klar ist. 
  • keine charakterliche Entwicklung: Die Figuren, meist Tiere, verkörpern eine bestimmte menschliche Eigenschaft, mit der sie auf die Geschehnisse in der Erzählung reagieren. Eine Entwicklung findet nicht statt. Die Figuren werden stattdessen mit den positiven oder negativen Konsequenzen ihrer Eigenschaften konfrontiert.
  • ungenaue Ort- und Zeitangaben: Es gibt keine oder nur ungenaue Ort- und Zeitangaben. So behalten Fabeln ihre Allgemeingültigkeit und sind nicht an einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit gebunden.

Übrigens: Die Überschrift einer Fabel nennt oft schon die beiden Tiere, um die es geht. „Der Wolf und das Lamm“, „Der Fuchs und die Krähe“ oder „Der Esel und der Fuchs“ sind nur einige Beispiele dafür.

Fabeln verweisen auf allgemeingültige Themen

Mit ihrer Einfachheit will die Fabel auf allgemeingültige Themen verweisen, nämlich typische menschliche Verhaltensweisen und Eigenschaften wie Eitelkeit, Gier oder Faulheit. Dabei folgt sie dem fabula docet et delectat – belehren und unterhalten.

Fabeln haben immer eine Lehre

Ebenfalls typisch Fabel: Sie haben immer eine Lehre. Sie findet ihr am Ende der Fabel. Allerdings ist sie nicht immer klar ausformuliert. An dieser Stelle sind dann die Lesenden gefragt. Sie sollen über die Fabel nachdenken und selbst eine Lehre daraus ableiten. Diese lässt sich meist in einem Lehrsatz zusammenfassen, beispielsweise „Hochmut kommt vor dem Fall“ wie bei der Fabel „Der Rabe und der Fuchs“.

Die Funktion einer Fabel

Die Merkmale einer Fabel sind natürlich nicht willkürlich, sondern erfüllen eine bestimmte Funktion. Als Lehrstücke über menschliches Verhalten ermöglichen sie es der Leserschaft, im Handeln von Tieren oder Pflanzen ihre  eigenen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen wiederzuerkennen. Die Personifikation von Tieren und Gegenständen bezweckt dabei, dass ihr euch als Leser /-in dabei nicht bloßgestellt oder beleidigt fühlen müsst. Gleichzeitig stellen Fabeln moralische Konflikte dar und zeigen dem Leser oder der Leserin eine Lösung auf, die im eigenen Verhalten zu finden ist.

Der Aufbau einer Fabel

Neben typischen Merkmalen weist die Fabel auch einen typischen Aufbau auf. Dieser ist dreigeteilt und setzt sich zusammen aus:

1. Ausgangssituation (Erzählteil):Kennenlernen von Figuren und Ausgangssituation
2. Streit:Gespräch, in dem die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Interessen der Tiere aufeinandertreffen, ihre Eigenschaften werden deutlich
3. Schluss:Lösung des Konflikts, aus dem meist eine Figur als Sieger /-in hervorgeht. Daraus lässt sich die Lehre ableiten.

Es gibt Fabeln, denen ist der Lehrsatz vorangestellt. Das wird dann als Anamythion bezeichnet. Ist der Lehrsatz nachgestellt, steht also am Ende nach der Lösung des Konflikts, nennt man ihn Epimythion.

Die Positionierung des Lehrsatzes hat eine unterschiedliche Funktion: Durch einen vorangestellten Lehrsatz wird die Fabeln zur palstischen Verdeutlichung einer Lehre, da sie diese unterstreicht und illustriert. Beim nachgestellten Lehrsatz, der deutlich häufiger vorkommt, ist sie die Geschichte, die den Leser oder die Leserin auf ein Problem oder einen Konflikt aufmerksam macht.

Was ist eine Fabel? Ein Beispiel

Um noch einmal nachvollziehen zu können, was eine Fabel ist, erklären wir euch hier die typischen Merkmale einer Fabel an einem Beispiel: „Die Ameise und die Heuschrecke“ von Äsop.

Der Inhalt 

Der Inhalt dieser Fabel ist schnell zusammengefasst: Eine Heuschrecke hat sich den ganzen Sommer über auf dem Feld amüsiert, während die Ameise für den Winter fleißig Getreide gesammelt hat. Als der Winter kommt, leidet die Heuschrecke Hunger und muss betteln gehen. Dabei trifft sie wieder auf die Ameise. Diese antwortet ihr: „Hast du im Sommer singen und pfeifen können, so kannst du jetzt im Winter tanzen und Hunger leiden, denn das Faulenzen bringt kein Brot ins Haus.“

Die Moral

Die Moral dieser Fabel formuliert in diesem Beispiel die Ameise selbst: „Bist du faul, kannst du auch keinen Lohn erwarten.“

Tiere in der Hauptrolle

In dieser Fabel spielen mit Ameise und Heuschrecke Tiere die Hauptrolle.

Die Einfachheit der Fabel

Weiterhin kannst du an dieser Fabel auch das Merkmal der Einfachheit erkennen:

  • wenige Figuren: In dieser Fabel kommen nur zwei Tiere vor, Ameise und Heuschrecke vor.
  • keine charakterliche Entwicklung: Ameise und Heuschrecke machen keine charakterliche Entwicklung durch.
  • Es gibt keine genauen Ort- und Zeitangaben.

Allgemeingültige Themen

Die allgemeingültigen Themen dieser Fabel sind die Eigenschaften, die Ameise und Heuschrecke verkörpern: Fleiß und Faulheit. Wer arbeitet, ist auch in schlechteren Zeiten, hier im Winter, versorgt. Wer nicht vorausdenkt und lieber feiert, hat das Nachsehen.

Fabel und Tiermärchen: Was ist der Unterschied?

Nicht nur in der Fabel begegnen uns Tiere, die sich wie Menschen verhalten oder bestimmte Eigenschaften verkörpern. Wir kennen das auch aus einer anderen Textsorte: dem Märchen. Es gibt viele verschiedene Arten von Märchen, unter anderem auch Tiermärchen. Diese Unterkategorie des Märchens weist einige Gemeinsamkeiten mit Fabeln auf. So spielen auch hier Tiere oft die Hauptrolle, verkörpern bestimmte Eigenschaften und machen selten eine charakterliche Entwicklung durch. Auch die Einfachheit der Textsorte Märchen sowie das Fehlen von Ort- und Zeitangaben sind Gemeinsamkeiten zwischen Fabel und Märchen.

Davon abgesehen weisen beide Textsorten aber deutliche Unterschiede auf. Während die Fabel auf eine Lehre zugespitzt ist und sich die Moral in einem Satz zusammenfassen lässt, bieten Märchen vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten. Auch ist die Rolle der Tiere im Märchen deutlich komplexer. Sie treten in vielfältigen Funktionen auf, etwa als Helfer, Freund, Antagonist oder Hauptfigur. Dadurch spiegeln sie das komplexe Verhältnis von Mensch und Tier wider.

➸ Ihr möchtet mehr über Tiermärchen und die Rolle von Tieren im Märchen erfahren? Dann hört doch in unsere Podcastfolge Nummer 90 „Von Isegrim, OGS-Schnecken und einem Geierbaby“ rein. Darin gehen wir noch viel genauer auf die Thematik und den Vergleich zwischen Fabel und Tiermärchen ein. Den Märchenpott hört ihr überall, wo es Podcasts gibt. Oder hört euch die Folge direkt hier an:

Im Überblick: Was ist eine Fabel?

  • Tiere als Hauptfiguren: In Fabeln treten oft Tiere als Hauptfiguren auf. Sie verkörpern menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen und agieren wie Menschen. Dadurch spiegeln sie menschliche Schwächen, Tugenden oder Fehler wider.
  • Moralische Lehre: Eine der zentralen Funktionen einer Fabel ist die Vermittlung einer moralischen oder ethischen Lektion. Am Ende der Fabel wird oft eine Moral oder Weisheit ausgesprochen, die helfen soll, über richtiges und falsches Verhalten nachzudenken.
  • Kurze Erzählform: Fabeln sind in der Regel kurz und prägnant. Sie konzentrieren sich auf eine einfache Handlung, die eine klare Botschaft vermittelt, und verzichten auf komplexe Handlungsstränge.
  • Verhaltensweisen als Themen: Fabeln behandeln oft menschliche Verhaltensweisen, wie Gier, Eitelkeit, Arroganz oder Klugheit, und zeigen, wie diese Eigenschaften in bestimmten Situationen zu positiven oder negativen Ergebnissen führen können.
  • Historische Bedeutung: Fabeln haben eine lange Tradition und sind ein fester Bestandteil vieler Kulturen. Eine der bekanntesten Fabelsammlungen stammt von Äsop (6. Jahrhundert v. Chr.). Fabeln wurden in der Antike und im Mittelalter genutzt, um Werte und Normen zu vermitteln.