Hintergründe Märchenwelt

Es wird frostig: Der Winter im Märchen

Winter im Märchen zwei Märchenbücher

Unter Jenny, Christian und Elena ist der Winter eine sehr beliebte Jahreszeit. Allgemein gilt das eher weniger. Deswegen haben wir uns in Folge 03 „Märchen für wenn et kalt is“ gefragt, warum das so ist und wie der Winter eigentlich in Märchen dargestellt wird. Ist er immer kalt und unbeliebt? Oder kommt ihm vielleicht noch eine ganz andere Funktion zu? Mehr zur Rolle des Winters im Märchen lest ihr hier.

Der Winter im Märchen: dunkel und kalt

Der Winter ist bis heute eine Jahreszeit, mit der sich viele Menschen schwertun: Dunkelheit und Kälte machen ihn wenig beliebt. Der Grund dafür, dass viele Menschen den Winter nicht mögen, ist auch historsich bedingt: Seit jeher ist der Winter die Jahreszeit, die mit den meisten Einschränkungen verbunden ist. Noch heute können wir in dieser Zeit nicht mehr alles machen, fühlen uns vielleicht weniger frei als im Sommer und müssen viele Aktivitäten nach drinnen verlagern.

Wenn wir uns jetzt ein paar Jahrhunderte zurückdenken, dann waren diese Einschränkungen natürlich noch viel massiver. Früher ging es nicht bloß darum, dass man nicht mehr bis nachts im Biergarten sitzen oder sich draußen treffen konnte. Gerade in bäuerlichen Schichten ging es zu dieser Zeit um ganz existenzielle Fragen.

Der Winter: nicht nur entbehrungsreich

Der Winter war die Zeit, auf die sich das ganze Jahr über vorbereitet wurde: Vorräte wurden angeschafft, Lebensmittel eingekocht. Da spätestens im Herbst die letzte Ernte eingefahren war, galt es, finanzielle Rücklagen zu bilden. Haus und Ställe mussten zudem winterfest gemacht werden. Gleichzeitg rückten Mensch und Tier in dieser Zeit eng zusammen. Die Tiere wurden zum Teil ins Haus geholt, um sich zu wärmen, die Feldarbeit ruhte und sonstige Aktivitäten rund um Haus und Hof wurden eingeschränkt oder nach drinnen verlagert.

Doch der Winter war nicht nur eine Zeit der Entbehrungen. Er bot auch Raum für Fantasie, denn die Menschen verbrachten viel Zeit miteinander, ließen ihre typische Arbeit ruhen und fanden so Zeit zum Erzählen. Die Kälte und Dunkelheit des Winters regte zusätzlich die Fantasie an und so ist der Winter auch die Jahreszeit, in der viele Geschichten und auch Märchen entstanden. Um die Funktion vom Winter im Märchen genauer zu untersuchen, haben wir uns exemplarisch drei sehr unterschiedliche Wintermärchen ausgesucht. Falls ihr Folge 03 „Märchen für wenn et kalt is“ noch nicht gehört habt, hier nochmal alle drei Wintermärchen im Überblick:

  • „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen
  • „Hexe Pfarrerin“, ein norwegisches Volksmärchen
  • „Der eigensüchtige Riese“ von Oscar Wilde

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Die Märchen von Hans Christian Andersen sind bekannt dafür, dass sie nicht glücklich, sondern bittersüß bis tragisch enden. Das Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist ein besonders trauriges Märchen. Es erzählt die Geschichte von einem armen Mädchen, das erfolglos versucht, Schwefelhölzer zu verkaufen. Doch niemand kauft ihm eines ab.

Da es bitterkalt und dunkel draußen ist, kauert sich das Mädchen schließlich an eine Hausecke und entzündet ein Hölzchen, um sich zu wärmen. Da erscheint ihm, was es selbst gern hätte, was es aber nur durch die Fenster hinen in die Häuser der anderen Menschen sieht: ein wärmender Ofen. Es entzündet weitere Hölzer und letztlich erscheint ihm seine verstorbene Großmutter. Es weiß, dass diese verschwinden wird, sobald das Hölzchen erlischt und so entzündet das Mädchen alle Hölzer und gemeinsam mit der Großmutter steigt es empor. Die Leute finden das Mädchen lächelnd und mit roten Wangen am nächsten Tag im Schnee. Es ist tot. Erfroren am ersten Tag des neuen Jahres.


Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern Märchenbuch
Ein sehr bekanntes Wintermärchen ist „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen.

Die Rolle des Winters

„Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist ein sehr gesellschaftskritisches Märchen. Denn der Winter ist hier nicht nur Kulisse. Als Todbringer tötet er gandenlos, insbesondere arme, schwache und wehrlose Geschöpfe wie das kleine Mädchen. Gefährlich, ja lebensgefährlich, ist er für all jene, die kein Zuhause haben, sprich für all jene, die nicht über die finanziellen Mittel für ein warmes, hellbeleuchtetes und gemütliches Heim verfügen. Die Protagonsitin in diesem Märchen steht auch für all jene, die sozial isoliert sind, weil sie keine Familie haben, die sich um sie sorgt, und die von der Gesellschaft übersehen werden. Kälter als der im Märchen als hart und grausam charakterisierte Winter sind aber die Menschen, die das kleine Mädchen übersehen und ihm nicht mal ein lausiges Schwefelholz abkaufen wollen. Ihr Ausspruch „Sie hätte sich wärmen sollen“ als sie das Mädchen entdecken, klingt wie Hohn und unterstreicht die Ignoranz der Menschen sowie ihre Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen und auf den Gedanken zu kommen, dass es nicht jede*r so gut hat, wie sie selbst – ein Thema, das aktueller ist denn je.

Andersens Kunstmärchen stammt aus dem Jahre 1845 und zählt zu seinen bekanntesten Werken. Er schrieb es während eines neuntägigen Aufenthalts auf dem Schloss Gravenstein an der Flensburger Förde und übt mit seiner rührseligen Geschichte scharfe Gesellschadtkritik, die bis heute nichts an ihrer Relevanz und Aktualität eingebüßt hat.

Der Winter in „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ im Überblick:

  • Der Winter ist der Todbringer.
  • Im Märchen gibt es mehrere Gegensatzpaare: hell und dunkel, draußen und drinnen, warm und kalt.
  • Die warmen Stuben der Menschen, also ein Zuhause, bieten Schutz vor dem Winter.
  • Über Leben und Tod im Winter entscheidet der soziale Status.
  • Kälter als der Winter ist die Herzenskälte der Menschen.

Hexe Pfarrerin

In einem Dorf bei Christiansand in Norwegen gibt es ein Pfarrhaus. Das Gesinde hält es dort nicht lange aus, die meisten geben nach wenigen Wochen ihren Dienst aus, weil das Essen der Pfarrersfrau ungenießbar ist. Dennoch verdingt sich dort ein junger Mann als Knecht, weil ihm der Vater gestorben ist. Nur, weil er immer wieder von seiner Mutter bekocht wird, hält er seine Stellung. Am Heiligen Abend will er auch in sein Elternhaus, doch eine ungeheure Müdigkeit überkommt ihn und er schläft ein. Mitten in der Nacht wacht er mit Gliederschmerzen auf, als ob er einen besonders harten Arbeitstag gehabt hätte. Er wundert sich sehr und beschließt dem sonderlichen Geschehen im nächsten Jahr auf den Grund zu gehen. Doch so sehr er sich am Weihnachtsabend des Folgejahres bemüht wachzubleiben, es gelingt ihm nicht. Erst im dritten Jahr, in dem er besonders häufig bei seiner Mutter isst, wacht er früher auf.

Er steht im Schnee neben einer Schmiede, vor ihm liegt Zaumzeug, hinter ihm ein Sattel. Um ihn herum stehen viele schwarze Pferde, für die der Teufel Hufeisen schmiedet. Er bemerkt, dass hinter ihm eine Kirche steht, klettert auf einen Grabstein des Kirchhofs und blickt durch ein Fenster: Im Inneren sitzen zahlreiche Hexen zu Rate unter dem Vorsitz der Pfarrerin! Auch einige andere Frauen aus dem Dorf erkennt er. Um ein Uhr öffnet sich das Portal und die Hexen wollen nach Hause reiten. Der Knecht wirft jedoch der Pfarrerin das Zaumzeug über den Kopf, sie verwandelt sich in eine schwarze Stute und er lässt sich von ihr zum Pfarrhaus tragen. Er sperrt sie in den Stall. Am Weihnachtstag versucht der Pfarrer seine Frau, bis der Knecht ihn in den Stall führt und von den Vorkommnissen der Christnacht berichtet. Eine Frau, die er in der Kirche erkannt hat, wird als Zeugin geholt. Man verspricht ihr das Leben, wenn sie ihre Mithexen verrät. Alle werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, zuletzt die Pfarrerin. Sie wirft jedoch ein Wollknäuel in die Höhe, klettert am Faden empor in eine graue Wolke und entflieht mit dem Teufel.



Die Rolle des Winters

Der Winter fungiert in diesem Märchen zunächst als stimmungvolles Kolorit. Die Kälte unterstreicht die Strapazen des Knechtes, der schwarze Teufel am Schmiedefeuer hebt sich gegenüber dem weißen Schnee wesentlich kontrastreicher und bedrohlicher ab. Elementar ist hier allerdings die Weihnacht, an der die mysteriösen Rauhnächte voller Spuk beginnen. Sie ist der Anlass des Hexensabbats, der die Geburt Christi verhöhnen soll. Auffällig ist hier auch die Verbindung zu Rechtssprechung und Gerechtigkeit: Der Knecht befreit sich aus dem Missbrauch als Reittier durch die Pfarrerin und vertritt sein Recht vor dem Pfarrer und den Dorfältesten, obwohl er sozial niedriger steht. Auch den Hexen widerfährt aus damaliger Sicht durch das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen Gerechtigkeit.

Der Winter in „Hexe Pfarrerin“ im Überblick:

  • Der Winter bietet eine atmosphärische, unheimliche Kulisse.
  • Er unterstreicht die Strapazen des Knechtes.
  • Im Zusammenspiel mit Weihnachten ist er mysteriös und geheimnisvoll.
  • Der Winter ist hier der Richter, der über Recht und Unrecht urteilt.

Der eigensüchtige Riese

Bei „Der eigensüchtige Riese“ handelt es sich um ein Kunstmärchen des irischen Schriftstellers Oscar Wilde aus dem Jahr 1888. Es wird auch als „Der selbstsüchtige Riese“ betitelt. Der für Märchen typisch moralisch-didaktischen Aspekt bringt der Autor durch seine Erzählung über einen eigensüchtigen Riesen zum Ausdruck. Dieser Riese verscheucht spielende Kinder aus seinem Garten und errichtet eine Mauer darum. Darufhin kehrt der ewige Winter in seinen Garten ein. Erst als Kinder sich durch eine Öffnung in der Mauer Zutritt zu seinem Garten verschaffen, kehrt der Frühling und damit das Leben zurück.

Der Riese beobachtet die Kinder und die blühende Natur und erkennt, warum so lange eisiger Winter herrschte. Doch als er in den Garten hinaustritt, erschrecken die Kinder vor ihm und fliehen. Nur ein kleiner Junge hat keine Angst vor ihm und lässt sich von dem Riesen auf einem Baum helfen. Als er ihn zum Dank küsst, erkenne die anderen Kinder, dass sie den Riesen nicht fürchten müssen und spielen fortan regelmäßig in seinem Garten. Nur der kleine Junge kehrt nicht zurück. Erst viele Jahre später, als der Riese schon alt und gebrechlich ist, kehrt der Junge zurück. Er trägt Stigmata an den Händen, die er als „Wunden der Liebe“ bezeichnet. Er lädt den Riesen in seinen Garten ein. Die anderen Kinder finden ihn mittags tot unter einem blühenden Baum.


Der eigensüchtige Riese Märchenbuch
Der Winter steht hier für die menschliche Kälte: „Der eigensüchtige Riese“ von Oscar Wilde.

Die Rolle des Winters

Der Winter steht hier, wie das gesamte Wetter samt Jahreszeiten, stellvertretend für das Verhalten und Wesen des Riesens: Solange er sich selbstsüchtig verhält, herrscht diese Kälte auch in seinem Garten. Zudem steht der Winter im Gegensatz zum Frühling: Als blühende, warme Zeit, ist er eine Art Belohnung und steht für Leben, Wärme und Neubeginn. Dass er den Garten vergessen hat, verdeutlicht, dass man sich den Frühling durch selbstloses Verhalten verdienen muss. Auch Sommer und Herbst wollen nicht beim Riesen im Garten sein, weil er zu eigensüchtig ist. Nur der Winter passt zu seiner Gefühlskälte.

Darüber hinaus verarbeitet Wilde in diesem Märchen auch ein traditionelles Märchenmotiv: Der Riese erkennt im Laufe der Handlung den höheren Wert der Nächstenliebe gegenüber materiellen Besitztümern. Hinzu kommt eine religiöse Ebene: Das Kind entpuppt sich als Christus, seine Wundmale spielen auf die Passion Christi an. Ein weiteres christliches Motiv sind die zwölf Pfirsichbäume, die für die zwölf Apostel in den Evangelien der Bibel stehen. Am Ende findet dann auch die christliche Verklärung des Todes als Eintritt in das Paradies statt.

Der Winter in „Der eigensüchtige Riese“ im Überblick:

  • Der Winter steht für Gefühlskälte.
  • Doppeldeutigkeit: Die Wärme besiegt den Winter gleich zweifach: den Winter als Jahreszeit und den Winter im Herzen des Riesen.
  • Gegensatz zum Frühling
  • Das Wintermotiv wird mit einer religiösen Botschaft verknüpft.

Der Winter im Märchen: ein Fazit

Was alle diese Märchen zeigen: Der Winter im Märchen ist weit mehr als eine stimmungsvolle Kulisse. Er hat eine erzählerische Funktion, die die Handlung unterstreicht, trägt und prägt. So kann er für Tod und Kälte stehen, wobei Kälte hier nicht nur wettertechnisch zu verstehen ist, sondern oft auch mit menschlicher Gefühlskälte gleichgesetzt wird. Er straft und richtet, ist hart und unbarmherzig, schafft aber auch Wärme und Behaglichkeit. Gerade im Zusammenspiel mit religiösen Komponenten und Weihnachten wohnt ihm zudem ein mysteriöser Zauber inne, der Raum für zahlreiche Geschichten bietet, die so vielseitig sind wie er selbst.

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