Hintergründe

Warum Der Zauberer von Oz ein Märchen ist 

Der Zauberer von Oz von Frank L. Baum

Ob als Buch oder als Film: Die Geschichte über den Zauberer von Oz ist vielen von uns noch aus unserer Kindheit bekannt. Weniger bekannt ist allerdings: Der Zauberer von Oz ist ein Märchen. Warumd as so ist, lest ihr hier.

Der Zauberer von Oz: eine magische Geschichte

Es gibt Geschichten, die Kinder verschiedener Generationen durch ihre Kindheit begleiten und Menschen in ganz unterschiedlichen Zeiten und Lebenswirklichkeiten in Faszination versetzen und zum Träumen anregen. Der Zauberer von Oz ist so eine Geschichte. 

In den USA ist Dorothys abenteuerliche Reise durch das magische Land Oz mindestens so populär wie die Grimm-Märchen bei uns. Hierzulande ist die Geschichte vor allem durch den Film mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 bekannt. Zudem steht das Musical regelmäßig auf den Spielplänen der Stadt- und Kindertheater und entführt sein Publikum in eine fantasievolle Welt. Was vielen dabei nicht bewusst ist: Der Zauberer von Oz ist nicht nur eine zauberhafte Geschichte. Es ist ein Märchen.

Eine Geschichte voller Märchenzauber

Natürlich machen eine böse Hexe und ein bisschen Magie eine Geschichte nicht automatisch zu einem Märchen. Aber ähnlich wie bei der ebenfalls zeitlosen Erzählung Peterchens Mondfahrt von Gerdt von Bassewitz finden sich auch in der Geschichte von Frank L. Baum einige Märchenelemente.

Das Buch Der Zauberer von Oz erschien im Jahr 1900 unter dem Originaltitel The Wonderful Wizard of Oz. Wegen des großen Erfolgs folgten diverse Fortsetzungen. Die bekannteste Geschichte, die in der Welt von Oz angesiedelt ist, ist Wicked. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

Der Zauberer von Oz: ein neues Märchen?

Dass Dorothys Abenteuerreise ein Märchen ist, sagt der Autor übrigens selbst. Im von Vorwort von Der Zauberer von Oz schreibt Baum: “Sagen, Legenden, Mythen und Märchen haben seit jeher Menschen durch die Kindheit begleitet, denn Kinder haben eine gesunde und instinktive Vorliebe für Geschichten, in denen das Fantastische, Wunderbare und Unwirkliche eine Rolle spielt. […] Und doch gilt das klassische Märchen, das uns nun so lange erfreut hat, nun in der Kinderliteratur als überholt.” Baum erklärt, dass es Zeit sei für neue Wundergeschichten ohne einschüchternde Moral. “Die Geschichte des Zauberers von Oz ist daher einzig geschrieben worden, um die Kinder von heute zu unterhalten und zu erfreuen. Sie versteht sich als modernes Märchen voller Wunder und Freude, aber ganz ohne Schrecken und Alpträume.”

Die Intention des Autors ist somit deutlich: Er schätzt die Werke Grimms und Andersens, erachtet aber insbesondere die moralische Aussage nicht mehr als zeitgemäß und möchte diese modernisieren. Wir schauen uns an, wie genau er das macht.

Klassische Märchenelemente

Baum wollte also ein modernes Märchen schreiben. Dazu verwendet er zum einen klassische Merkmale von Märchen, zum anderen aber auch bewusste Modernisierungen. 

Die klassischen Märchenelemente sind uns aus der Märchensammlung der Grimms, aber auch von Andersen, Bechstein oder Perrault vertraut. In Der Zauberer von Oz finden wir davon folgende:

  1. Magische Welt
  2. Magische Helfer
  3. Magische Gegenstände
  4. Personifizierte Kräfte und anthropomorphe Wesen 
  5. Gut gegen Böse
  6. Suchwanderung und Heldenreise
  7. Märchenhafte Tugenden
  8. Happy End

1. Magische Welt

Mit dem Wirbelsturm reißt Frank L. Baum nicht nur Dorothy fort aus einer grauen, tristen Realität, sondern wirft auch die Lesenden mitten hinein in eine bunte, wundersame Welt, die analog zum klassischen Märchenland funktioniert:

  • Oz ist weit entfernt von der Alltagswelt.
  • Es ist eine Traum- und Fantasiewelt, die eine Flucht aus der Realität ermöglicht.
  • In ihm sind Dinge möglich, die es in der realen Welt nicht gibt. Magie etwa ist hier selbstverständlich und Tiere können sprechen.

Der Kontrast zwischen Dorothys Realität und Oz ist groß: Oz ist bunt, magisch und lebendig, Kansas hingegen wird als farb- und freudlos beschrieben. So heißt es im Buch: “Wenn Dorothy an der Schwelle des Hauses stand und sich umsah, hatte sie nichts als endlose graue Öde vor Augen.” und “Die Sonne hatte die Äcker ausgetrocknet, durch die feste Masse zogen sich Risse und Sprünge. Selbst das Gras war nicht grün.“

Es ist hier vor allem die Farbe Grün, die die Tristesse der Realität hervorhebt, denn sie ist die Farbe, die in Baums Werk von zentraler Bedeutung und hoher Symbolhaftigkeit ist. Grün ist die Farbe des Landes Oz, Grün ist die Farbe des Zauberers. Das Fehlen dieser Farbe in Dorothys Welt drückt damit nicht bloß Farblosigkeit aus. Es steht für das Fehlen von Leben, von Lebendigkeit, von Magie. Mit Blick auf das Ende des Buches und dessen Aussage kann es aber auch eine andere Bedeutung haben und Andeutung darauf verstanden werden, dass es in Kansas keinen falschen Zauber gibt, dass Kansas echter ist und dass Dorothy dort nicht geblendet wird. 

2. Magische Helfer

Wie im klassischen Märchen muss Dorothy ihre Reise durch Oz nicht alleine antreten. Sie findet Helfer. Mit Vogelscheuche, Blechmann und Löwe hat Dorothy Begleiter an ihrer Seite, die nicht menschlich sind, ihr aber beratend und unterstützend zur Seite stehen – ein typisches Märchenelement.

3. Magische Gegenstände

Magie ist im Märchen allgegenwärtig und selbstverständlich. Ihre Anwesenheit und Funktion wird nie hinterfragt. Neben magischen Helfer*innen oder magiekundigen Figuren wie Hexen, Feen oder Zauberern begegnen uns im Märchen zahlreiche magische Gegenstände. Die Wunderlampe, das blaue Licht oder die Siebenmeilenstiefel sind nur einige Beispiele.

Die wichtigsten magischen Gegenstände in Der Zauberer von Oz sind die Silberschuhe, die Dorothy von der Hexe des Ostens übernimmt und die sie am Ende zurück nach Hause bringen.   

4. Personifizierte Kräfte und anthropomorphe Wesen

Tiere sprechen, Gegenstände haben ein Bewusstsein – auch das ist ein Grundmerkmal klassischer Märchen, das ebenfalls in Der Zauberer von Oz zu finden ist: Es gibt den sprechenden Löwen, Fantasiewesen wie die Munchkins und mit Blechmann und Vogelscheuche anthropomorphe Wesen.

5. Gut gegen Böse

Der Gegensatz von Gut gegen Böse und der ewige Kampf zwischen diesen beiden Polen ist das zentralste Element der Textsorte Märchen. Auch in Der Zauberer von Oz ist es Treiber der Handlung: Erst wenn das Böse besiegt ist, kann Dorothy nach Hause zurückkehren. Sich dem Bösen zu stellen ist die Herausforderung, die Dorothy und ihre Begleiter meistern müssen. Und wie im Märchen so ist es das Bestehen dieser Prüfung, das den inneren Reifungsprozess abschließt.

In Der Zauberer von Oz ist die Unterteilung in Gut und Böse eindeutig: Es gibt die bösen Hexen des Westens und des Ostens sowie die guten Hexen des Südens und des Nordens. Während die böse Hexe des Ostens unter Dorothys vom Wirbelsturm entwurzeltem Haus begraben wird (und Dorothy dadurch unwissend ihre erste Heldentat vollbringt), wird die Bedrohung durch die böse Hexe des Westens so groß, dass das Gute die Unterstützung eines Kindes braucht – wie in vielen Märchen ist es auch hier ein unschuldiges, reines Kind, das sich einer scheinbar übermächtigen Bedrohung stellen und diese besiegen muss.

➸ Mehr über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse könnt ihr euch in Folge 71 „Von Helden, Schurken und dem bösesten Bösewicht“ unseres Podcasts anhören. Überall, wo’s Podcasts gibt.

Die klare Trennung in Gut und Böse wird zudem durch eine weitere Differenzierung gestützt, die in Märchen ebenfalls gängig ist: Gut ist hier gleichbedeutend mit schön, böse mit hässlich. Das äußere Erscheinungsbild ist wie so oft im Märchen ein Spiegel des Wesen.

➸ Mehr über Schönheit und ihre Bedeutung im Märchen? Dann hört euch dazu unser Podcast-Doppelfolge 96.1 und 96.2 an. 

6. Suchwanderung und Heldenreise

Dorothys Reise durch Oz ist eine klassische Heldenreise. Wie im Märchen muss sie verschiedene Prüfungen bestehen, von denen die letzte Aufgabe die schwierigste ist: Die böse Hexe des Westens besiegen.

Ebenfalls aus Märchen bekannt ist das Motiv der Suchwanderung: Alle “guten” Figuren, in unserem Fall also Dorothy und ihre Begleiter, sind auf der Suche nach etwas und gehen am Ende der Geschichte gestärkt und mit einer persönlichen Entwicklung aus ihrem Abenteuer hervor. Deutlicher als im Märchen wird in Der Zauberer von Oz herausgearbeitet, dass die Lösung in ihnen selbst liegt. 

7. Märchenhafte Tugenden

Damit sind wir bei den Tugenden des Märchens: Jeder und jede der Figuren glaubt, ihm oder ihr fehle etwas:

  • Dorothy: Heimat
  • Vogelscheuche: Verstand
  • Blechmann: Herz
  • Löwe: Mut

All das sind auch klassische Tugenden im Märchen: Die Rückkehr nach Hause oder das Finden einer neuen Heimat sowie der Gebrauch von Verstand, Herz und Mut sind ganz zentrale Eigenschaften, die die Hauptfiguren am Ende über das Böse triumphieren lassen.

➸ Mehr über Laster und Tugend im Märchen hört ihr übrigens in Folge 69 „Von Hochmut, Völlerei und tödlicher Neugier“

8. Happy End

Kein Märchen ohne Happy End. Baum hat ja bereits in seinem Vorwort deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er ein „modernes Märchen voller Wunder und Freude, aber ganz ohne Schrecken und Alpträume“ schreiben möchte. Dass Dorothy und ihre Freunde also ein Happy End erwarten, ist somit bereits von Anfang an klar. Die Geschichte geht allerdings nicht nur gut aus, weil das Böse besiegt und damit die Harmonie wiederhergestellt ist. Das Ende geht auch mit wichtigen Erkenntnissen einher:

Dorothy findet nicht nur wieder nach Hause. Sie erkennt auch, dass es zu Hause am Schönsten ist. Und auch die anderen Figuren verstehen, was wirklich wichtig ist und was in ihnen steckt.

Wie Der Zauberer von Oz Märchen modernisiert

Die märchenhaften Elemente in Der Zauberer von Oz sind also offensichtlich und es wird deutlich, dass es Frank L. Baum nicht darum ging, sich von diesen zu distanzieren. Er kritisiert in seinem Vorwort lediglich bestimmte Aspekte dieser Textsorte und möchte sie modernisieren. Das gelingt ihm durch folgende Elemente:

  1. Die fehlende pädagogisch-moralisierende Funktion
  2. Ironisierung von Autoritäten
  3. Entzauberung von Magie
  4. Das Setting
  5. Freundschaft vor Heldentum
  6. Die Bedeutung der Heimat

1. Die fehlende pädagogisch-moralisierende Funktion

Die belehrende Aussage insbesondere der Grimm-Märchen ergibt sich aus dem zeitgeschichtlichen Kontext, in dem die Grimms die Kinder- und Hausmärchen veröffentlichten. Zur Zeit des Biedermeier waren Harmonie, Heim und Moral wichtige Ideale – nachdem die erste Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen gefloppt war, passten die Grimms die Märchen an ein kindliches Publikum an und arbeiteten so auch die didaktische Funktion der texte deutlicher heraus. 

Frank L. Baum verzichtet auf die moralisch-didaktische Intention, wie wir sie bei den Grimms finden. Dennoch ist seine Geschichte nicht ohne Aussage: Sie zeigt, dass man schätzen soll, was man hat und dass in jedem von uns Stärke liegt. Wir können mehr, als wir denken, wir müssen nur an uns glauben. Anders als bei den Grimms ist das also kein “Du darfst nicht” oder “Mach das nicht, sonst…”, sondern eine sehr bestärkende Botschaft, die vermittelt: Du bist richtig, wie du bist. 

2. Ironisierung von Autoritäten

Auch wenn die Fähigkeiten von Hexen und anderen zauberkundigen Figuren im Märchen unterschiedlich stark ausgeprägt sind: Der titelgebende Zauberer in Der Zauberer von Oz ist kein echter Magier. Die Tatsache, dass er dem Buch dennoch seinen Titel verleiht, ist auf zwei Ebenen interessant: Zum einen ist er das Ziel der Reise. Zum anderen aber sind mit ihm verschiedene Erwartungen verknüpft, die er allesamt nicht erfüllen kann und die die Figuren schließlich in sich selbst erkennen. Er hilft ihnen nicht und verhilft ihnen gleichzeitig zu einer wichtigen Erkenntnis. 

Als Trickser und Betrüger entzaubert seine Figur klassische Märchenautoritäten. Darüber hinaus ist er als Kritik an blindem Gehorsam zu verstehen sowie als Warnung davor, sich blenden zu lassen und einem falschen Zauber zu erliegen.

3. Entzauberung von Magie

Diese Entzauberung vermittelt noch eine weitere wichtige Botschaft: Magie, obwohl in Oz ganz selbstverständlich, ist nicht die Lösung und wird durch die Rolle des Zauberers in Frage gestellt. Vielleicht geht der Autor damit sogar so weit zu sagen: Es gibt keine echte Magie. Hoffe nicht darauf, dass etwas Unmögliches passiert, sondern finde den Weg, indem du dich auf deine eigenen Stärken besinnst. 

Dann, das zeigt die Geschichte, sind die Lösungen simpel: Die ach so böse Hexe des Westens kann ganz einfach mit einem Eimer Wasser besiegt werden.

4. Das Setting

Die Heldin ist ein “normales” Mädchen aus Kansas, nicht eine Prinzessin oder ein Waisenkind in einer unbestimmten, alt-europäischen Welt. Die Geschichte ist klar amerikanisiert, Dorothy quasi ein Mädchen wie du und ich, eine Figur, die hohes Identifikationspotenzial bietet und dadurch die Aussageabsicht des Werkes stützt: In jedem und jeder von uns steckt etwas Besonderes.

5. Freundschaft vor Heldentum

“Alles, was du suchst – Mut, Herz, Verstand, Heimat – trägst du bereits in dir. Du musst es nur erkennen.” Das ist der Erkenntnisgewinn, den die Figuren und damit auch wir Lesende im Laufe der Geschichte erlangen.

Diese Eigenschaften sind, wie bereits erwähnt, klassische Tugenden von Helden und Heldinnen im Märchen. In Der Zauberer von Oz sind sie als Kernaussage der rote Faden, der Dorothy und ihre Gefährten verbindet. Es ist eine Verbindung, die den Wert von Gemeinschaft und Freundschaft betont: Jeder der Gefährten bringt etwas ein, wovon die anderen profitieren. Alle erreichen ihr Ziel nur gemeinsam. Das betont eine moderne, weniger hierarchische Märchenidee: Gemeinschaft trägt – Heldentum ist nicht einsam.

6. Heimat

Dorothys Antrieb ist es, nach Hause zurückzukehren. Obwohl wir ihr Leben in Kansas als grau und trist kennenlernen, hat sie niemals den Gedanken, dass sie im bunten, fantastischen Oz bleiben könnte. Von Anfang an wird sie von dem Wunsch geführt, nach Hause zu kommen.

Anders als viele klassische Märchen, in denen das Glück in der Fremde gefunden wird, lautet Baums umgekehrte Einsicht: Zufriedenheit liegt nicht in exotischen Reichen, sondern im Verständnis der eigenen Herkunft und Beziehungen. Es geht nicht darum, sich in Fantasie- und Traumwelten zu flüchten, sondern zu erkennen, was man hat.

Parallelen zu den Grimmschen Märchen

Wir sehen also: Wir finden in Der Zauberer von Oz klassische Märchenstrukturen, die Baum bewusst aufnimmt und modernisiert, und die uns aus der Märchensammlung der Brüder Grimm sehr vertraut sind:

  • die Reise durch verschiedene Regionen, z.B. Die sieben Raben
  • die Rolle der bösen Hexe, z.B. Hänsel und Gretel
  • magische Schuhe: Parallelen zu Die zertanzten Schuhe oder magischen Stiefeln, z.B. Der gestiefelte Kater
  • Tierische Helfer und Begleiter: Toto und der sprechende Löwe als Tierbegleiter entsprechen Traditionen wie dem Raben, der Katze oder dem Hund bei den Grimms.
  • Einfachheit der Figuren: Viele Figuren haben klare, eindeutige Eigenschaften – typisch für Volksmärchen.

Parallelen zu Andersen

Baum schätzte Andersen – und es gibt deutliche ideelle Schnittmengen. Sie liegen in der Betonung des Inneren sowie der Vermischung von Magie und Emotion. Aber auch selbstreflexive Elemente und Ironie sind Aspekte, die wir sowohl bei Baum als auch bei Andersen finden.

1. Betonung des Inneren

Das Erkennen der inneren Werte ist das zentrale Motiv in Der Zauberer von Oz. Die Reise über die Yellow Brick Road in die Smaragdstadt ist letztlich eine Reise zu sich selbst, zum eigenen inneren Kern. Auch Andersens Werke gehen einher mit einer oft auch bitteren Selbsterkenntnis, beispielsweise in Die kleine Meerjungfrau oder Der Tannenbaum. Während die kleine Meerjungfrau die Aussichtslosigkeit ihrer Liebe begreift, versteht der Tannenbaum erst, als es zu spät ist, wie wichtig es ist, im Moment zu leben und nicht nach immer mehr zu streben.

Wie von Frank L. Baum bezweckt, bringt seinen Figuren ihr Erkenntnisgewinn noch etwas. Er zeigt: Wenn du dich selbst erkennst, kannst du Dinge bewegen. Bei Andersen hingegen ist die Selbsterkenntnis oft das Resultat einer Reiher tragischer Ereignisse.

2. Vermischung von Magie und Emotion

Emotionale Tiefe, Selbstzweifel und Identitätssuche bei der Vogelscheuche oder dem Blechmann verleihen Frank L. Baums Geschichte eine Tiefe, wie wir sie in klassischen Volksmärchen eher nicht finden. 

Von dem stereotypen Abziehbild lösen sich Figuren erst im Kunstmärchen, das mehr Grauzonen aufzeigt und seinen Mitwirkenden zumindest den Ansatz eines charakters zugesteht. Auch wenn Der Zauberer von Oz keine psychologische Charakterstudie ist: Allein um die Aussageabsicht seiner Geschichte zum Ausdruck bringen zu können, muss er ihnen ein wenig mehr Emotionen und Tiefgang zugestehen, als die Volksmärchen es tun würden. Frank L. Baum zeigt sogar: Wahre Magie ist nicht irgendein Hokuspokus, sondern liegt in uns.

3. Selbstreflexive Elemente und Ironie

Wie Andersen bricht Baum mit der reinen Märchenlogik und integriert bewusste Ironien – etwa die Entlarvung des Zauberers als normalen Mann. Wie oben bereits erwähnt, ist das als Kritik an Obrigkeiten lesbar sowie am falschen Schein, von dem wir Menschen uns blenden lassen. 

Andersens Werke sind ebenfalls sehr gesellschaftskritisch und neben ihrer Tragik oft gespickt mit Ironie. 

Fazit: Wie märchenhaft ist Der Zauberer von Oz?

Abschließend lässt sich sagen, dass Frank L. Baum seiner Absicht, ein modernes Märchen zu schaffen, gerecht geworden ist. Der Zauberer von Oz ist ein modernes Märchen, weil es auf den klassischen Strukturen der Grimmschen Tradition – magische Welt, Prüfung, Suchwanderung – aufbaut, diese aber mit modernen und psychologisch orientierten Elementen verbindet.

So schafft Baum ein Werk, das gleichzeitig traditionell und fortschrittlich ist: ein Märchen, das sich auf alte Muster stützt, sie aber bewusst neu interpretiert. Das macht Der Zauberer von Oz zu einem anschaulichen Beispiel dafür, wie Märchen zum einen Literaten und Literatinnen beeinflussen, zum anderen aber auch wie sie aufgegriffen und weiterentwickelt werden können. Trotz ihrer klar definierten Merkmale sind Märchen nicht starr, sondern dynamisch, sie leben von ihrer Weiterentwicklung. Und diese Weiterentwicklung vollzieht sich durch Werke wie etwa Der Zauberer von Oz, der uns zeigt: Man kann klassische Märchenelemente aufnehmen und sie als Inspiration nutzen, um ganz neue Märchenwelten zu erschaffen.

Podcast-Tipp:

Noch nicht genug aus Oz? Dann hört euch dazu unsere Podcast-Folge 111 Keiner weint um Hexen“ an. Direkt hier oder überall, wo’s Podcasts gibt.


Bildnachweis: Photographer not credited, Poster 2 advertising The Wonderful Wizard of Oz by L. Frank Baum and issued by the George M. Hill Company 1900, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons