Hänsel und Gretel ist eines der bekanntesten Grimm-Märchen. Der Film Gretel und Hänsel erzählt die Geschichte aus neuer Perspektive. Ob das gelungen ist, haben wir uns angesehen.
Gretel und Hänsel: ein grausames Märchen
Dass in vielen Märchen Horrorelemente stecken, zeigt nicht erst die Splatter-Action Hänsel und Gretel: Hexenjäger. Schon das bekannte Märchen Hänsel und Gretel der Brüder Grimm liefert Horror auf mehreren Ebenen. Bereits die Ausgangssituation ist auf psychischer Ebene sehr grausam: Die Armut der Familie ist so groß, dass die Eltern keine andere Chance sehen, als die Kinder im Wald auszusetzen, damit sie nicht alle verhungern. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, ist es nicht der im Märchen oft unbeteiligte Vater, der diesen Vorschlag macht. Es ist die Mutter, die hier ihre schützende Rolle aufgibt und ihre eigenen Kinder opfert, um selbst überleben zu können.
Das Märchen beginnt also mit einem Überlebenskampf, der sich weiter zuspitzt. Denn nachdem Hänsel den Plan der Mutter belauscht hat und die Kinder nach Hause zurückkehren, schrecken die Eltern nicht davor zurück, ihr Vorhaben zu wiederholen. Die Not ist eben groß.
Der Horror spitzt sich zu
Die Kinder sind also verloren an einem dunklen, unheimlichen Ort, den Menschen vor allem durch den weit verbreiteten Aberglauben im Mittelalter fürchten gelernt haben: den Wald. Auf sich gestellt, der schützenden Fürsorge der Eltern beraubt, verlassen in der Finsternis – ein weiteres Schreckensszenario, das einem einen Schauer über den Rücken jagt und von dem wir genau wissen, worin es gipfelt: Die schutzlosen Kinder geraten in die Hände einer bösen Hexe, die sie mit Süßigkeiten lockt – eine Methode, vor der wir noch heute unsere Kinder warnen.
Gretel und Hänsel: enttäuschte Erwartungen
Zur Arbeit gezwungen, eingesperrt und gemästet, dem Tag entgegensehend, an dem die Hexe Hänsel fressen wird – das alles ist blanker Horror und bietet somit viele Ansätze für eine gruselige Verfilmung des Märchens.
Der vertauschte Titel des Films, der aus Hänsel und Gretel Gretel und Hänsel macht, verspricht zudem eine neue Lesart des Films und weckt somit durchaus Erwartungen. Erwartungen, denen er leider nicht gerecht wird. Denn die Adaption dieses Märchens ist weder unheimlich, noch vermag er mit seiner neuen Perspektive zu überzeugen.
Die Hexe hat ein Geheimnis
Die Geschichte hält sich zunächst noch recht nah ans Original, nimmt aber eine entscheidende Änderung vor: Gretel (Sophia Lillis) ist hier kein Kind mehr, sondern als Teenagerin die große Schwester ihres Bruders Hänsel (Samuel Leakey). Während dieser im Grimm-Märchen zunächst den aktive Part einnimmt, weil er Kieselsteine und Brotkrumen streut und Gretel Mut zuspricht, liegt die Verantwortung im Film von Regisseur Osgood Perkins von Anfang an auf Gretel: Sie soll eine Anstellung finden, die Familie ernähren. Deswegen schickt die Mutter die Kinder fort.
Zunächst geht alles seinen bekannten Gang: Die Geschwister irren hungernd durch den Wald, bis sie auf ein seltsames Haus mit einer noch seltsameren Bewohnerin stoßen. Holda (Alice Krige) gibt den Kindern Essen, nimmt sie bei sich auf und bietet ihnen an, bei ihr zu bleiben. Doch Gretel merkt schnell, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht und sie kommt einem düsteren Geheimnis auf die Spur…
Gretel und Hänsel: widersprüchlich und nicht greifbar
Der Film lässt das Publikum lange im Dunkeln tappen, was leider jedoch nicht für Spannung sorgt. Die Erwartungshaltung ist zwar groß, die Geschichte jedoch nicht wirklich greifbar und zudem gespickt von zahlreichen inhaltlichen Unstimmigkeiten.
Gretel wird als toughe Teenagerin porträtiert, die schon früh gelernt hat, dass alles im Leben seinen Preis hat. Ihr kleiner Bruder Hänsel ist mehr Last als Hilfe und hindert sie daran, die zu sein, die sie sein möchte. Sie ist es, die ihn beschützen muss. Um so unglaubwürdiger, dass Gretel in Holdas Haus bleibt, obwohl sie von Anfang an misstrauisch ist und die Dame auch wirklich keinen vertrauenswürdigen Eindruck macht. Ein Widerspruch, der noch weniger aufgeht, weil Gretel bereits in der ersten Nacht von Alpträumen heimgesucht wird.
Langeweile statt Grusel
Selbst wenn man als Zuschauer*in wohlwollend über diese Widersprüche hinwegsehen möchte, macht der weitere Verlauf des Filmes einem dies sehr schwer. Die zähe Erzählweise wabert vor sich hin wie der schwarze Rauch im Finale, für das sich das Dranbleiben wirklich nicht lohnt.
Auch inszenatorisch wird hier nur aufgewärmt, was man bereits in zig anderen Filmen gesehen hat – und oft deutlich besser. Die Hexe ist optisch zwar recht gruselig anzuschauen und durchaus überzeugend gespielt, das allein reicht jedoch nicht, um aus diesem Sog an Langeweile herausgerissen zu werden.
Gretel und Hänsel: Scheitern an eigenen Ansprüchen
Auch der bereits im Titel angelegte Perspektivwechsel enttäuscht, obgleich er einen interessanten Punkt aus dem Originalmärchen aufgreift: Dort ist es am Ende Gretel, die die Hexe in den Ofen stößt und ihren hilflosen Bruder befreit. Aus dem passiven, ängstlichen und weinerlichen Mädchen wird die Heldin der Geschichte. Gretel durchläuft in der Grimm-Fassung des Märchens also eine wichtige Wandlung. Den Fokus der Geschichte auf sie zu lenken, ist somit ein interessanter Ansatz, der dem Märchen durchaus gerecht wird. Er wird im Film nur einfach nicht konsequent umgesetzt. Denn Gretel macht hier keine Entwicklung durch, ihre Entscheidungen sind unglaubwürdig und das Verhältnis zu ihrem Bruder wirr. Da nützt es auch nicht, dass der kleine Bengel als quengelnde Nervensäge inszeniert wird.
Gretel und Hänsel: verschenktes Potenzial
Und so ist Gretel und Hänsel nicht mehr als eine gewollt kunstvoll angelegte Coming-of-Age-Parabel, die sich in ihrer eigenen Deutungsschwere verliert und es weder schafft, eine kohärente Aussage zu tätigen noch das eigene Versprechen einzulösen. Damit erfüllt der Film weder seine eigenen Ambitionen, noch kann das Potenzial der Vorlage genutzt und mit überzeugenden neuen Ansätzen erzählt werden. Da kann man direkt beim Original bleiben.
Podcast-Tipp: Noch mehr Hänsel und Gretel
Auch in unserem Podcast Märchenpott haben wir uns ausführlich mit dem Märchen von Hänsel und Gretel beschäftigt und der Hexe mit„Verehrt, verdammt, verbrannt“ eine ganze Folge gewidmet. Darin schauen wir uns an, wie die Hexe im Märchen dargestellt wird und welche menschlichen Ängste, pädagogischen Absichten und historische Bezüge in ihr zusammenlaufen. Außerdem reisen zurück in die Zeit der Hexenverfolgungen und schauen uns an, wie diese dunkel Zeit das Bild der Hexe im Märchen beeinflusst hat.
Ihr findet den Märchenpott auf:
Und wenn ihr euch für Märchen und Literatur interessiert, dann abonniert unseren Podcast, folgt uns auf Instagram und Tiktok und lasst uns im besten Fall eine positive Bewertung da. Wir freuen uns über euer Feedback! ♥
